Sechster Gesang: Religion

By Johann Kaspar Lavater

Written 1770-01-01 - 1770-01-01

O Menschenherz! Des Gottesglaubens fähig!

Die mehr als groß bist Du! Doch sollst Du nie

In Deiner Größe Dich erkennen. Blicke,

Nur schnelle Blick' auf Dich sind Dir vergönnet!

Dir ward die Wunderkraft, ein Höchstes, Beßtes

Persönlich Dir, Dir als ein Du zu denken,

Mit diesem Du Dich kindlich zu vereinen,

Dem hohen Du zu sagen: „Schöpfer, Vater,

Du bist und bist in mir! Bist, wo ein Seyn ist!

Du Leben, lebst in jedem Leben! Liebe,

Du liebst in jeder Ich-entstorbnen Liebe!

Du sprichst mit mir von jedes Weisen Lippen!

Du stralst mich an im reinen Sonnenstrale!

Du leuchtest mir im mildern Mondesglanze!

Die Sterne sind von Deiner Herrlichkeit

Entsunkne Funken nur! Die Erd' ein Stäubchen!

Ein Tropfen ist vor Dir der Ozean!

Und Ein Gedanke nur ein Weltsystem!

Du bist ein Licht, ohn' alle Finsternisse!

Des Lebens Quell und alles Daseyns Wurzel!

Der Kräfte Kraft! Der Mittelpunkt der Sphären!

Ein ewig Eins, das Allen Alles ist,

Dasselbe jedem ist und jedem anders“.

Religion! Du Ahnung unsichtbarer

Erhabner Geistigkeiten! Vollgefühl

Von immer mehr gereifter Gotteskraft

In uns und außer uns! Du Sinn für's Eine

In Allem dem, was ist und war und seyn wird!

Du immer reger Trieb nach Ewigem!

Du stiller Durst, der stets und nie sich sättigt

Nach Unermeßlichkeit, die Eins nur ist!

Nach Unermeßlichkeit, die menschlich ist!

Wer sandte Dich, o göttlichster der Triebe

In uns're Brust, gebaut aus Erd und Wasser?

Wer gab dem Herzen Dich, das in uns schlaget?

Bedürfniß, Dich, nach unbegränztem Eins,

Das nicht zu fassen ist und doch umfaßt wird?

Religion! Du höchste Zauberkraft!

Du Schöpferinn des ungeschaffnen Wesens!

Gebährerinn unsterblicher Naturen,

Die nichts für's Auge sind, und dennoch wahrer

Als Sonnenlicht dem Aug' am Mittag ist!

Kein Daseyn gleicht dem Daseyn, das des Glaubens

Magie erschafft – nicht Du, o Täuscherinn,

O Bilderschöpferinn, der Träume Mutter –,

Der ächte Glaube schafft für inn're Sinnen.

Ja, Menschenherz! Du übertriffst Dich selber,

Verstummest ehrfurchtsvoll und voll von Dehmuth

Vor Deiner Größe, Deiner Einzigkeit,

Im seligsten Moment des Kinderglaubens

An Einen, Einen nur. Ihm schlägt mit Beben

Mein unrein Herz mit Wonne doch entgegen!

Sein Namen ist wie Siegesruf den Herzen!

O Du, Du Einer! Zürne nicht, daß Deinen

Von allen Himmeln millionenmal,

Doch würdig nie genannten Namen bebend,

Vertrauend doch der Sünder Sündigster

Zu nennen wagt! O Du, Du Einzigster,

Den nicht gezeugt ein Sohn der Sündererde,

Den doch gebahr der Sarah frömmste Tochter,

Der reiner ist als jede Sonnenreinheit,

Als jede Lichtnatur, die Gottes Himmel

Erzeugt und zeugen kann, und der doch menschlich

Und im Gewand der Todeserben minder

Geworden als der Boten Gottes Letzter,

Ihr König doch und ihrer Fürsten Fürst

Im Thale der Verwesung duldend wallte,

Zu Dir, zu Dir kann sich ein Menschenherz

Erheben, Dich sich gegenwärtig machen!

Nicht gegenwärtig nur, gewisser als

Gewiß und Deiner froh und froher Dein

Als aller Erdenfreuden, aller Wonnen

Der Menschenfreundlichkeit und des Vertrauens,

Der Weisheit Freuden all' und aller Freuden

Der Vaterzärtlichkeit und Mutterliebe!

Religion! Den ewig hohen Werth

Von Dir, Vertrauteste der Auserwählten,

Besiegelte der Herr der Herrlichkeit,

Der sich für Dich in Todesnächte stürzte,

Dich aus dem Grab unsterblich, neu und göttlich

Zurück gebracht und Menschenherzen schenkte!