Sechstes KapitelWie König Heinrich gen Frankreich zieht und was weiter geschah

By Theodor Fontane

Written 1858-01-01 - 1858-01-01

Und Heinrich, sieben Tage lang

Hält's ihn in Londons Mauern;

Wohl mocht' ihm jeder Stunde Gang

Wie Lauf des Jahres dauern;

Nun aber hält's ihn länger nicht,

Und schüttelnd ab all Last und Pflicht,

Fliegt er zu Lohn und Liebe.

Daheim sein Thron und Herrscheramt

Ward Kerker ihm und Frone:

Nur hier, wo Seel' in Seele flammt,

Trägt Zepter er und Krone.

Hier ist er reich, dort ist er arm –

Ein einzig Herze, treu und warm,

Ist mehr als Erd' und Himmel.

So flieht die Zeit. Des Herbstes Näh'

Färbt kaum die Bäume gelber,

Da kommt in seinem Kleid von Schnee

Auch schon der Winter selber;

Doch immerdar, wie Sturm auch tost,

Des Königs Ziel, des Königs Trost

Bleibt Woodstock allerwegen.

Und Frühling wird's: Schneeglöckchen nickt

Mit freundlicher Gebärde,

Das schüchtern stille Veilchen blickt

Blauäugig aus der Erde;

Und wie so drauß es grünt und blüht,

Da immer festre Kreise zieht

Schloß Woodstock um den König.

Heut aber trug ihn heim sein Roß,

Schon hält's im Tower stampfend,

Da sprengt ein Ritter durch das Schloß,

Vom langen Ritte dampfend;

Noch hemmt er kaum des Renners Lauf,

Da klingt es schon: „Auf, König, auf!

In Frankreich loht Empörung.“

Der König hört's; sein Streitroß wild

Besteigt er statt des Schecken,

Er läßt mit Schienen sich und Schild

Von Kopf zu Fuß bedecken;

Er stülpt den Helm auf sein Barett

Und steckt, als ein Plantagenet,

Den Busch davor von Ginster.

Der Hengst springt an, schon dröhnt und hallt

Der Hof von Rosseshufen,

Da seinen Diener, treu und alt,

Läßt König Heinrich rufen;

Herab vom Rosse spricht er laut:

„Gen Woodstock, eh' der Morgen graut,

Bring deines Königs Grüße.“

Er spricht's, und durch den Tower hin

Ist kaum er jetzt gezogen,

Da tritt glührot die Königin

Zurück von Fensters Bogen;

Sie hat des Gatten Wort erlauscht,

Und ihres Kleides Seide rauscht

Mitzürnend in ihr Murmeln.

Dann spricht sie laut: „Und will, Gesell',

Mein Gold dich nicht bestechen,

So gibt's im Wald manch gute Stell',

Um, was nicht biegt, zu brechen:

Kein Wörtlein von des Königs Gruß,

Noch, daß im fernen Land sein Fuß,

Darf je nach Woodstock dringen.

Wohl wie nach Speis' in Hungersnot

Wird sie nach Botschaft bangen,

Es soll kein Bröcklein Trostesbrot

Je zu ihr hin gelangen;

Ich bring' ein köstlich Gift ihr bei,

Das Zweifelgift an seiner Treu –

Das muß das Herz ihr brechen.“

Sie spricht's, und schreitet durch den Saal

Und kann nicht Ruhe finden:

Sie sieht in Ungewißheitsqual

Ihr Opfer schon sich winden;

Sie lacht: „Nun, Rosamunde fein,

Laß sehn, das wird ein Probestein

Für so ein Herz voll Liebe!“