Sehnsucht und Erfüllung

By Wilhelm Müller

Written 1810-01-01 - 1810-01-01

Süße Ahnungsschauer gleiten

Über Fluß und Flur dahin,

Mondenstrahlen hold bereiten

Lager liebetrunknem Sinn.

Sinkt hinab die güldne Sonne,

Steigen auf zwei Monde blau.

Blümlein, ist es Liebeswonne,

Daß ihr weint so hellen Thau?

Ja, ihr theilet mein Verlangen,

Ja, von Lust und Leid umfangen,

Bebt die mailiche Natur;

Durch des Himmels dunkle Weiten,

Über Berg und See und Flur

Süße Ahnungsschauer gleiten.

Schätzchen, allerliebstes Schätzchen,

Ach, wenn ich ein Vöglein wär',

Wär' ich jetzt schon auf dem Plätzchen –

Wollt' nicht flattern hin und her –

Wo, wie wir es abgekartet,

Einer auf den Andern wartet.

Doch weil das nicht kann geschehen,

Denk', wenn ich der Letzte bin,

Daß ich muß zu Fuße gehen

Über Fluß und Flur dahin.

Um vom Stoffe nicht befangen

Zu beginnen mein Gedicht,

Stell' ich also mein Verlangen

Fabelhaft mir vor Gesicht.

Diese Tanne dient zum Thurme,

Wo, bedacht von Siegfrieds Wurme,

Seufzt die süße Dame mein;

Und bevor es geht zum Streiten,

Will ich erst aus Sonnenschein

Mondenstrahlen hold bereiten.

O verdammte Weibertücken!

O unsel'ges Rendezvous!

Eine Rose wollt' ich pflücken,

Heimlich winkte sie mir zu.

Und auf ihrer Gartenmauer

Stand ich schon in banger Lauer:

Da erfaßt' es mich beim Kragen,

Warf mich in die Disteln hin.

Pflegt man also aufzuschlagen

Lager liebetrunknem Sinn?