SeNECA .
Du daurest mich in deinem Eifer, nicht minder groß-
als schwarzer Geist,
In welchem, durch dein dickes Blut, so dich mit lauter
Larven schrecket,
Sich ein Gemisch von Gall und Gift, von Raserey und
Schwehrmuht weist,
Dem selbst der Mittag dunkel scheint, dem Zucker, wie der
Wermuht, schmecket.
Die Biene saugt aus Bluhmen Honig, du Spinne zeugst
aus ihnen Gift,
So scheinst du ja nicht zu beklagen, wenn dich nur Schmerz
und Kummer trifft.
In deinem traurigen Gehirn, worin der Kreis-Lauf stockt,
entstehen,
Als wie aus einer bittern Quell’, dich selbst verfolgende
Jdeen.
Dein Auge, nicht an gelber Sucht, an schwarzer krank,
sieht, was es siehet,
Und wär es noch so rein, so weiß, als wie durch einen
schwarzen Flor.
Dir kommt die Morgen-Röhte dunkel, ein Stern, wie eine
Kohle, vor.
Dich deucht, als wenn die Sonne selber in einem düstern
Feuer glühet,
Wodurch, im grämlichen Gehirn, Gespenster schreckender
Jdeen,
Die deine schwehre Phantasey zusammen webt, und schwärzt,
entstehen.
Nun tragen wir ein billigs Mitleid mit Kranken, den die
gelbe Sucht
Mit Dunkelheit den Blick benebelt: Allein mit dir, der
du die Welt,
Und was darinn die weise Liebe des Schöpfers schönes
vorgestellt,
Mit deinem giftigen Verstande, die deiner düstern Schwehr-
muht Frucht,
Zu schwärzen, zu entehren suchst, scheint alles Mitleid
ungerecht.
Ein Feind von GOtt, von der Natur, vom ganzen mensch-
lichen Geschlecht,
Ja von sich selbst, scheint solch ein Wesen, das zur Un-
möglichkeit gehören,
Und nie ein Wesen haben sollte. Es muß nur die Erfah-
rung lehren,
Daß GOtt dergleichen dulden kann. Doch weil, wie sehr
du dich verschuldet,
Und alles umzukehren suchst, dich doch des Schöpfers
Güte duldet;
So wünsch ich, GOttes Huld bewundernd, mit der Natur
gemässen Lehren
Dein ganz verfinstertes Gemüht, wo es noch möglich,
aufzuklären.
Erwege, wenn du deinen Zweck erhalten könntest, was
auf Erden,
Durch deiner Lehre schwarzes Gift, doch würde für ein Zu-
stand werden!
Die Hölle wäre nicht so schrecklich, es würden, in gering-
rer Pein,
Die Teufel selber glücklicher, als wie der Erden Bürger,
seyn.
Wo unser Blick nur Larven sehe, das Ohr ein ewigs
Heulen hörte,
Die Zunge Gall und Gift nur schmeckte, die Nas’ ein steter
Stank beschwehrte,
Und, im empfindlichen Gefühl, ein scharfer Schmerz sich
stets vermehrte,
Zu welcher Noht du uns verdammst; wer könnt’, in sol-
chem Pfuhl von Plagen,
Die Menschen, die Natur, die Welt, ja gar sein eignes
Ich ertragen?
Die Gottheit wäre Selbst vernichtet, als welche fehlt,
wenn Liebe fehlt.
Dieß ist ein Abriß von der Welt, die du zu deiner Welt
erwählt,
Die dein verbittertes Gemüht, aus grämlicher Melancholey,
Und der, durch ihren schwehren Drang, verwirrten, düstern
Phantasey,
Durch deinen wilden Geist verführt, durch dein vergalltes
Blut verderbet,
Aus lauter Schreck-Gespenstern formt, mit lauter todten
Farben färbet.
Musik, Licht, Farben, Balsam, Honig, die Lieblichkeit der
süssen Triebe,
Die aus beflammten Augen quellen, der Seelen Nectar-
Saft, die Liebe,
Wein, säurlich-süsse Früchte, Freundschaft, samt allem, was
uns hier gefällt,
Reißt deine schwarze Räuber-Faust, durch deine Welt-
Chart', aus der Welt.
Zwar finden sich auf Erden Wüsten, gesengter Sand, nie
schmelzend Eis;
Allein es mehrt ein solcher Stand, in unsrer Lust, des Schöp-
fers Preis,
Indem, durch ihren Gegensatz, wir das, was GOtt uns
wollen gönnen,
Noch desto herrlicher befinden, uns mehr daran ergetzen
können.
Erwege deiner Schlüsse Falschheit, und des verführten
Herzens Tücke.
Du wirfst auf nichts, als was auf Erden betrübt und widrig
ist, die Blicke.
Dieß klaubest du mit Müh zusammen, und machst, mit kluger
Wut erfüllt,
Aus diesem grämlichen Gemisch ein dir selbst unerträg-
lichs Bild.
Hingegen alle Herrlichkeiten, das Firmament, das Son-
nen-Licht,
Die Gras- und Bluhmen-reichen Wiesen, die kühlen Schat-
ten-reichen Wälder,
Die Gärten, voll von Glanz und Bluhmen, den Schatz der
Segen-schwangern Felder,
Den Nutz und Schmuck der Elementen, samt ihrer Ordnung,
siehst du nicht.
Die unserm Geist gegönnte Sinnen, durch welche, von der
schönen Erden,
Die nicht zu zählende Geschöpfe zum Brauch uns zugeeignet
werden,
Sind wirklich da; nur nicht für dich. Indem dein Geist
sie nicht empfunden,
Sind sie für alle wirklich da, nur bloß für dich allein ver-
schwunden.
Die grosse Wahrheit kennst du nicht: Daß hier auf Erden
alle Sachen
Nicht eigentlich seyn, was sie sind, sie sind das, wozu wir
sie machen.
Du bist es, der die Lust zur Last, du bist es, der das Licht zu
Nacht,
Den Frühling, Sommer, Herbst, zum Winter, und Honigseym
zu Galle macht.
Dir stellet deine Phantasey, durch dickes Blut verderbt,
die Zier,
Die Ordnung, Pracht und Lieblichkeit der Welt, als wie ein
Chaos, für.
Dein Auge, voll von schwarzer Sucht, kann in den Dingen,
die geschehen,
In allen Handlungen nur Laster, in Menschen nichts, als
Teufel, sehen.
Je tiefer nun, bey dieser Krankheit, dein scharfer Geist auf
alles denkt,
Je schwärzer mahlet er die Bilder, die er in sich zusammen
Aus Gram, aus Jammer, Plag’ und Quaal, die sein ver-
dunkelt Feur belebet.
Da denn die Larven Schaar zwar andre, doch ihn am aller-
meisten kränkt.
Besinne dich, geliebter
schliesse:
Daß ein Gelbsüchtiger von Farben zu sprechen sich enthalten
müsse.
Du bist entweder würklich krank, wo nicht, so ist es alle
Welt,
Als deren Meynung sich gerade der deinigen entgegen stellt.
Du melancholisches Geschöpfe sprichst selber deinem
Schöpfer Hohn,
Der dir sowohl, als allen, hie Sich Selbst in Seinen Wer-
ken wiese.
Du hast von deiner bittern Mühe doch einen gar betrüb-
ten Lohn.
Du baust, mit arbeitsamer Hand, recht sinnreich in dem
Paradiese
Dir selber eine eigne Hölle. Denn wenn mans nur erwegt;
so ließ
Des Schöpfers Huld uns auf der Erde annoch ein würklichs
Paradies.
Denn alle Dinge, die uns dort von Edens Lust-Revier
beschrieben,
Sind auf der Erden noch befindlich. Gras, Kraut und
Bluhmen sind geblieben,
Wir haben Frucht- und andre Bäume, wir haben Gärten,
fette Felder,
Bewachsne Berge, kühle Thäler, Fisch-reiche Flüsse, Büsch’
und Wälder,
Uns zinsen alle Elementen, uns zollt die Luft, das Land,
das Meer,
Von Vögeln, Thieren und von Fischen ein nimmermehr zu
zählend Heer,
Zu unsrer Lust, zum Nutz, zur Nahrung. Sprich selbst,
was war in Edens Auen,
Das wir nicht noch auf unsrer Erden besitzen, fühlen,
schmecken schauen?
Allein, wer so, wie du, verfährt, wer taub und blind für
alle Gaben,
Der würde selbst im Paradiese gemurret und gewinselt
haben.
Wer auf der Welt nicht arm, nicht krank, ist schuldig,
bloß dahin zu sehn,
In dem Genuß der Creaturen, durch Lust, den Schöpfer zu
erhöhn.
Dieß ist ein wahrer Gottesdienst, wodurch sich GOttes
Ruhm vermehrt,
Den uns mit Gründen, die nicht trieglich, Natur, Vernunft
und Bibel lehrt.
Es liegt wahrhaftig nicht an GOtt. Er schuff die Welt,
Er schuff sie schön,
Er gab uns Sinnen, daß wir schmecken, auch riechen, fühlen,
hören, sehn,
Und ihre Schönheit nutzen können. Er wollt’ uns eine
Seele schenken,
Damit wir den Genuß der Lüste, durch ein vernünftigs
Ueberdenken,
Uns zuzueignen fähig wären, und auch zugleich erkennen
können,
Es müss’ ein’ ew’ge Liebe seyn, die uns dergleichen wollen
gönnen.
Hieraus entstehet Gegenliebe, ein Opfer, das allein nur
wehrt
Dem grossen Vater darzubiethen. Nur dadurch wird
Er recht geehrt,
Zumahl aus diesem holden Feuer die Glaubens- volle Zu-
versicht,
Er werd’ uns künftig auch noch lieben, in schon halbsel’gen
Flammen, bricht.
Dieß ist ein ander Bild der Welt, als wie das deinige.
Nun sage,
Ob über die Natur und GOtt ein Sterblicher mit Recht
wohl klage?
Die Noth, die du vom Kriege, Morden, Empörung, Raub
und Blutvergiessen,
Verfolgung, Ungerechtigkeit, Betriegen und Verrätherey,
Verwundung, Vergewaltigung, Vergiftung, Mord-Brand,
Tiranney,
Erzehlst, und die mit solchem Feur aus deiner scharfen
Feder fliessen,
Sind ja nicht der Natur, nicht GOtt, nur bloß den Men-
schen zuzuschreiben,
Die, ihrer eigenen Natur und Art nach, freye Wesen
bleiben,
Die Bös- und Gutes wirken können, und, leider! meistens
Böses thun.
Hierbey nun lässet, wie ich hoffe, dein Einwurf es ja wohl
beruhn.
Doch halt! mich deucht, du rufest mir, mit schnellem
Eifer, beissend zu:
Was sagst du denn von Unglücks-Fällen, die, sonder
unsre Schuld, geschehen,
Von Wasser-Fluhten, Feuers-Brünsten, wenn Erd-
Erschütt'rungen entstehen,
Von Donner, Hagel, Blitz und Stürmen, von Pest
und Krankheit? Nennest du
Denn dieß auch Ordnung? keine Plagen? Gemach!
auch hier ist nichts verlohren.
Die Ordnung bleibt in der Natur, die, für das
erkohren;
Das
entspringt
Ein Gut, das wir nur nicht begreifen. Was Ganz!
versetzest du vielleicht,
Ich leide ja dadurch nicht minder, bleibt gleich das
Ganze ganz. Mich deucht,
Wenn solch ein Unfall, solche Noht, auf mich und auf
die Meinen dringt,
Ich könne mich mit Recht beschwehren. So denke doch
einmahl zurück.
Was bist denn du, im Gegenhalt mit allen auf dem Kreis
der Erden?
Soll deinentwegen denn der Stoff der Elementen anders
werden?
Für dich ein Wunderwerk geschehn? Verdienest du ein
stetes Glück?
Ja ist dein ganzes Leben hier nicht gleichsam nur ein Au-
genblick
Mit jener Ewigkeit verglichen, in welcher Gottes Gna-
den-Wille
Den kleinen hiesigen Verlust des, welches dir doch nur
geliehn,
Und nie dein Eigenthum gewesen, mit einer ewigsel’gen Fülle
Von unveränderlichem Guten, und mit unwandelbaren
Schätzen,
Stets daurender Zufriedenheit, aus Lieb’, entschlossen zu
ersetzen?
Wann nun dein ungerechtes Murren und die Verklei-
nerung der Welt,
(die doch ein göttliches Geschöpf, das Er so wunderbar
erhält,)
Dein Schmählen, dein betrübter Stolz, dein grämlich
ungeduldigs Flennen,
Zu der Erlangung solches Standes, wohl kein verdienstlich
Werk zu nennen;
So suche, wo dir noch zu rahten, durch deines scharfen
Geistes Kraft,
Der grämlichen Melancholey verführerische Leidenschaft,
Die schwarze Furie der Seelen, mit frohem Eifer, zu be-
kämpfen,
Und deines unterdrückten Geists betrübt- und dunkles
Feur zu dämpfen.
„auf! mache dich, im Glück, durch Lust, im Unglück, durch
Gelassenheit,
„und, GOtt in dieser Welt bewundernd, zu einer bessern
Welt bereit.