Sie betrauert ihren Jesum

By Angelus Silesius

Written 1650-01-01 - 1650-01-01

O so hast du nun dein Leben

Für die Psyche hingegeben,

Jesu, meine Freud und Ruh!

Bist du nun für mich gestorben

Und hast mir das Heil erworben,

Du verwundte Liebe du!

Freilich ja, du bist gestorben,

Daß du mir das Heil erworben,

Liegest so elende tot!

Nicht ein Atem ist zu spüren,

Nicht ein Glied kannst du mehr rühren,

Ach der unerhörten Not!

Deine Lippen sind verblichen

Und dein Geist von dir gewichen,

Alle Kräfte sind verzehrt.

Alle Rosen deiner Wangen

Sind verwelket und vergangen,

Alle Schönheit ist verheert.

Dein erfreulich Angesichte

Ist nun worden ganz zunichte,

Deine Stirn ist ungestalt.

Ja dein Augen, meine Sonnen,

Sind verloschen und zerronnen,

Alles ist verstarrt und kalt.

Ach, wo werd ich Feuer finden,

Mich hinfüro anzuzünden

In der ewgen Liebesbrunst!

Wenn dein Augen, o mein Leben,

Keine Funken von sich geben,

Ist all unser Tun umsunst.

Ach, was soll ich weiter sagen?

Du bist auch so gar zerschlagen,

Daß mir Herz und Seele weint.

Deine Schultern sind zerschmissen

Und dein Haupt so sehr zerrissen,

Daß es lauter Wunde scheint.

Du bist ganz mit Blut umflossen,

Welches du für mich vergossen

Aus dem tiefsten Lebensgrund.

Alle Glieder sind zerrenket

Und, was mehr mein Herze kränket,

Dein verliebtes Herz ist wund.

O der Wunde! O des Schmerzens!

O du Herze meines Herzens!

O du Arznei meiner Pein!

O, daß ich meins Herzens Leben

Möchte haben hingegeben

Und für dich verwundet sein!

Weil dirs aber so gefallen,

Daß du Treuester vor allen

Meinetwegen dies getan,

Will auch ich mich zu dir strecken

Und dein teures Blut auflecken,

Weil mein Mund sich rühren kann.

Deine Wunden will ich küssen

Und das liebste Herze grüßen,

Wie ich immer kann und weiß.

Deinen Leichnam will ich pflegen,

Mit Gewürz und Myrrhn belegen

Und ihn ehrn mit großem Fleiß.

Gib nur, wenn ich dich so küsse,

Daß mir Seel und Geist zerfließe,

Daß mein Herze werde weich.

Daß der Balsam deiner Wunden

Heile meiner Seelen Schrunden,

Daß mein Geist dein Herz erreich.

Denn ich will mich, o mein Leben,

In dein offnes Herz begeben

Als den besten Felsenstein,

Weil man vor dem Grimm der Höllen,

Vor der Welt und ihren Wellen

Kann darinnen sicher sein.