Sie nimmt ihre Zuflucht zu seinen Wunden

By Angelus Silesius

Written 1650-01-01 - 1650-01-01

Seid gegrüßt, ihr Honiggraben,

Die mein krankes Herze laben,

Seid gegrüßt, ihr offnen Höhlen,

Süße Zuflucht meiner Seelen.

Ihr Wunden Jesu, seid gegrüßt

Und mit inniglicher Lieb geküßt.

Euch inbrünstig anzubeten,

Bin ich jetzo hergetreten.

Euch zu ehren, zu beschenken

Und mich ganz in euch zu senken,

Komm ich mit großer Zuversicht,

Ach verschmäht doch mein Erbieten nicht.

Es ist zwar sonst nichts als Sünden

Um und an mir zu befinden.

Aber dennoch bin ich kommen,

Weil ich tröstlich hab vernommen,

Daß Jesus, der mich hat erkiest,

Für die Sünder nur verwundet ist.

O, wie unerhörte Taten,

Daß er mir hat so geraten!

O, wie wunderliche Liebe,

Die sich mir mit Blut verschriebe!

Ich danke dir, Herr Jesu Christ,

Daß du mir so groß genädig bist.

Schau, ich falle dir zu Fuße

Mit zerknirschter Herzensbuße.

Laß sich doch dein Blut ergießen

Und auf meine Seele fließen.

Wasch mich nun wieder weiß und rein,

Daß ich möge dir gefällig sein.

Es ist wahr, daß ich verschwendet

Alls, was du mir zugewendet.

Aber schau doch jetzo nieder,

Dein verlornes Kind kommt wieder.

O lieber Vater, nimm mich an

Und vergib mir, was ich hab getan.

Meine Seele war der Groschen,

Der verloren und verloschen.

Aber nun ist er gefunden

Bei dem Lichte deiner Wunden.

Ach hilf doch, daß er für und für

Wohl verwahret bleiben mög in dir!

Ich verließ zwar deine Herde

Und verging mich auf der Erde.

Aber schau, ich komm bei Zeiten

Zu dem Schafstall deiner Seiten.

O guter Hirte laß mich ein,

Denn ich bin dein armes Schäfelein.

Ich verschmacht und muß verderben,

Laß mich doch nicht vor dir sterben!

Tu mir nur so viel zugute,

Halt mich auf mit deinem Blute.

Ernähr mich, wie du andern tust,

Mit der fetten Weide deiner Brust.

Ach, wie gut ist es, zu weiden

Auf dem Acker deiner Leiden!

Ach, was geben deine Schmerzen

Für Erquickung meinem Herzen!

Wie süße schmeckt der Himmelstau,

Den man findt auf deiner Wunden Au!

Deine Wunden sind die Bronnen,

Da das Heil wird raus gewonnen,

Sind auch gleich den Wasserflüssen,

Die im Frühling sich ergießen.

Sie machen mich so herrlich naß,

Daß ich grüne wie ein Maiengras.

O ihr rosenrote Quelle,

Überschwemmt doch diese Stelle,

Daß mein Herze muß versinken

Und in eurer Flut ertrinken,

Was Gott dem Herren widerstrebt

Und in mir, nicht Christo Jesu, lebt.

Helft mir, daß ich kann bekleiben

Und ein grüner Zweig verbleiben,

Daß ich ewig kann bestehen,

Wie die Zedern auf den Höhen.

Macht, daß ich unverwelklich blüh

Und zu keiner Zeit verdorre nie.

Ach, wer gibt mir Taubenflügel,

Daß ich über Berg und Hügel

Von der Erden mich erhebe

Und in‘n Wunden Jesu lebe!

Daß mich des argen Geiers List

Nicht ermorden kann zu keiner Frist.

O Herr Jesu, gib mir Gaben,

Wie die klugen Bienen haben,

Weil ich mich zu dir gefunden

Auf die Rosen deiner Wunden,

Daß ich deins Blutes Honigseim

Trag in meinem Mund und Herzen heim.

Ich begehre mir von Herzen

Deine Leiden, deine Schmerzen,

Deine Wunden will ich haben,

Gib mir sie vor allen Gaben.

Mach mich nur deinen Wunden gleich,

Denn das ist mein ewges Himmelreich.

Deine Wunden sollen werden

Meine Wohnstatt auf der Erden,

In denselben will ich bleiben

Und mich ihnen einverleiben.

O Jesu, zeuch mein Herz und Sinn

Ganz und gar in deine Wunden hin!