Sie singt ihm ein Abendlied

By Angelus Silesius

Written 1650-01-01 - 1650-01-01

Der Tag ist nunmehr hin,

Die Nacht fängt aufzuziehn.

Kommt, daß ich weit und fern

Auf alle Weg und Weise

Lobsinge, dank und preise

Gott, meinem Abendstern.

Ihm soll mein Herz und Sinn

Und alles was ich bin,

Mein Geist und mein Gemüt

Zu tausendmalen danken,

Daß er mich in dem Schranken

Vor Unfall hat behüt.

Es komme her zu mir

Des Himmels ganze Zier,

Die schon zeucht auf die Wacht,

Und helfe mir von oben

Ihn überschwenglich loben

Durch diese ganze Nacht.

Es rege sich die Luft

Aus der und jener Gruft.

Es weh der Abendwind

Mit einem sanften Sausen

Und angenehmen Brausen

Sein Lob und Ehr geschwind.

Der heilgen Geister Schar,

Die uns stets vor Gefahr

Bewachet und bewahrt,

Woll ihn statt meiner preisen

Mit ihren schönen Weisen

Nach engelischer Art.

Er selbst, der große Gott,

Der Herr, der Sabaoth,

Der Vater, Sohn und Geist,

Der preise seine Güte,

Weil doch mein arms Gemüte

Ihm nie gnug Ehr erweist.

Er dank ihm, daß er mich

So unausforschiglich

Erschaffen und erkorn.

Er dank ihm für das Leben,

Das er mir wieder geben,

Da er mich neugeborn.

Er preise seine Gnad,

Die mich behütet hat

Vor Sünde, Schand und Spott,

Vor Zorn und Ungelücke,

Vor Feindes Grimm und Tücke

Und vor dem jähen Tod.

Auch daß er hat beschert,

Was mich erhält und nährt,

Brot, Trank, Dach, Fach und Kleid,

Daß ich vor Sturm und Winde

Ein sichres Örtlein finde,

Wenns regnet oder schneit.

Vor allem preis er sich,

Daß er noch immer mich

In seinem Lob erhält,

Daß ihm die arme Weise,

Mit welcher ich ihn preise,

Verhoffentlich gefällt.

Und weil er gar zu gut,

Halt er auch ferner Hut,

Damit mein Seel und Leib

Nicht werde heint beladen

Mit Unglück und mit Schaden

Und unverunruht bleib.

Auch laß er meinen Geist

In sich sein ganz verreist,

Daß durch die ganze Zeit

Mein Herze zu ihm wache,

Ihn anred und ihm lache

Mit heilger Innigkeit.

Daß wenn die Morgenröt

Ins Himmels Schloß aufsteht

Und meinen Augen winkt,

Ich seine werten Füße

Zu tausendmalen küsse,

Eh sie die Sonn verdringt.

Dem Vater sei nun Preis,

Dem Sohne gleicher Weis',

Dem heilgen Geist auch gleich

Preis wie vor allen Zeiten,

Wie in all Ewigkeiten,

Jetzt und im Himmelreich.