Sie singt ihm ein fröhliches Morgenlied

By Angelus Silesius

Written 1650-01-01 - 1650-01-01

Weil ich schon seh die goldnen Wangen

Der Morgenröt am Himmel prangen,

So will auch ich dem Himmel zu.

Ich will der Leibsruh Abschied geben

Und mich zu meinem Gott erheben,

Zu Gott, der meiner Seele Ruh.

Ich will durch alle Wolken dringen

Und meinem süßen Jesu singen,

Daß er mich hat ans Licht gebracht.

Ich will ihn preisen, will ihm danken,

Daß er mich in des Leibes Schranken

Durch seinen Engel hat bewacht.

Er ist die Sonne, deren Strahlen

Mehr als sonst tausend Sonnen prahlen,

Er ist das wesentliche Licht.

Er ist der Schein, der in die Herzen

Vor allem Heer der Himmelskerzen

Wie ein gewünschter Blitz einbricht.

Er machet uns zum Freudenhimmel,

Verjagt des bösen Feinds Getümmel,

Vertreibet alle Traurigkeit.

Er reinigt unsre Seel von innen,

Er geußt in unsere Kraft und Sinnen

Den Vorschmack ewger Seligkeit.

Er ist mein Himmel, meine Sonne,

Meins Herzenstag und meine Wonne,

Mein Abend- und mein Morgenstern.

Er macht mir Leib und Seele munter,

Er geht allein mir niemals unter,

Wenn ich nur mich nicht ihm entfern.

Hätt ich jetzt hunderttausend Zungen,

So müßt er sein mit alln besungen,

Mit alln gelobet und gepreist.

Es müßt ihm schon von ihnen allen

Ein schönes Dankgeschrei erschallen,

So weit als Sonn und Monde reist.

Ei, daß doch alles Gras der Erde

Zu lauter schönen Stimmen werde

Und alle Tropfen in dem Tau.

Ei, daß doch alles Laub der Wälder

Ihn lob mit allem Kraut der Felder

Und allen Blumen auf der Au.

Es stimme, was im Wasser schwimmt,

In Lüften lebt, im Feuer glimmt,

Zu seinem Lobe mit mir ein.

Es wollen aller Engel Chöre,

Daß ich ihn herrlicher verehre

Und alle Heilgen mit mir schrein.

Er wolle selbst mein Tun und Dichten

Zu seinen lautern Ehren richten,

Das Herz regieren und den Mund.

Die Sinne, Willn und Kräfte stärken

Zu aller Zucht und guten Werken,

Erhalten Leib und Seel gesund.

Er wolle mir Genade geben,

Daß ich ihn mehr mit meinem Leben

Als mit den Worten ehr und preis.

Er wolle mich zu allen Zeiten

Auf seinem Weg und Stege leiten

Bis in seins Herzens Paradeis.

Ehr sei dem Vater, Ehr dem Sohne,

Dem heilgen Geist in einem Throne

Sei gleicher Dienst und Ehr erweist.

Die göttliche Dreieinigkeit

Sei hier und dort in Ewigkeit

Mit Dank, Lob, Ruhm und Ehr gepreist.