Sie verlangt nach der Geburt Christi

By Angelus Silesius

Written 1650-01-01 - 1650-01-01

Wann wird der Liebste meiner Seele

Aus seiner reinen Lilienhöhle

Herfür und mir entgegengehn?

Wann wird die Sonne, die ich meine,

Mit ihrem gnadenreichen Scheine

Aus ihrem Brautbett mir entstehn?

Wann wird mein traurigs Angesicht

Ersehn das ewge Freudenlicht,

Auf welchs es hofft und wart'.

Wann wird der edle Schäfer kommen,

Der sich hat meiner angenommen

Und mich schon für sein Schäflein hält?

Wann wird die Ursach meiner Freuden

Mit seiner Gegenwart mich weiden

Und mir sich zeigen auf der Welt?

Wann wird der Hirt und Bräutigam

Bei seiner Braut und seinem Lamm,

Der armen Seele, stehn?

Ich seh zwar schon die Purpurwangen

Der edlen Morgenröte prangen

Und voller Tau ihr goldnes Kleid.

Sie bricht herein und tröst die Erde,

Daß ihr die Sonn bald scheinen werde,

Daß er, der Schönste, nicht sei weit.

Ach, daß er doch noch diesen Blick

Herfür brech und mein Herz erquick

Mit seiner Augen Gunst.

Ach, geh doch fort und fahr geschwinde,

Du edle Rötin, gleich dem Winde

Und bring uns ungern Jesum bald!

Geh fort und eil, verzeuch nicht länger,

Denn meinem Geist wird immer bänger,

Weil er nicht kommt, mein Aufenthalt.

Geh fort und gib uns doch geschwind

Das ewge Wort, dein wahres Kind,

Den Heiland aller Welt.

Ich muß ihn sehn, ich muß ihn haben,

Das höchste Gut, den schönsten Knaben,

Ich muß ihn schaun, das Gottesbild.

Ich muß ihn herzen, muß ihn küssen

Und seinen Gegenkuß genießen,

Daß mein Verlangen wird gestillt.

Ach, daß er doch noch dieses Nu

Mit sich mich setz in wahre Ruh

Und mir sei, was er ist.