Sie vermahnt ihre Seele zu der wahren Innigkeit des Geistes

By Angelus Silesius

Written 1650-01-01 - 1650-01-01

Schwing dich auf, mein Täubelein, behende

Und verflieg dich in dein letztes Ende.

Fleuch hinweg vom irdischen Getümmel

Und begib dich in den stillen Himmel.

Dein Gemahl, mit dem du dich verbunden,

Wird in keiner Unruh je gefunden.

Drum, so du mit ihm willst selig nisten,

Schwenk dich in die ungeschaffne Wüsten.

Töt in dir all eitele Verlangen

Und was sonsten dich noch hält gefangen.

Halt dein Herz und deine Kräft und Sinnen

Ledig und mit wahrer Andacht innen.

Steig hinauf mit englischen Geberden

Und vergiß der Dinge, die auf Erden.

Halte dich dem Eingen abgescheiden,

Der dich ewig trösten kann und weiden.

Also wird der König dich begehren

Und sein gnädges Antlitz dir gewähren.

Also wird der Bräutigam dich küssen

Und du seiner wonniglich genießen.

Drum flieg auf, mein Täublein, meine Seele,

Schwing dich aus den Schranken deiner Höhle.

Flieg zu Gott mit innigem Gemüte

Und empfah sein ewge Lieb und Güte.