Sie wird getröstet von ihrem Jesu

By Angelus Silesius

Written 1650-01-01 - 1650-01-01

Als ich nächst im Wald spazierte

Und viel große Klagen führte,

Daß ich armes Waiselein

Müßt ohn meinen Bräutgam sein,

Kam mein Jesus selbst zu mir

Und versprach mit süßen Worten,

Daß er wollt an allen Orten

Bei mir bleiben für und für.

Schau, ich habe dich vom Bösen,

Sprach er, gerne wolln erlösen

Und mit meinem Blut und Tod

Dich erretten aus der Not.

Bin auch stets bei dir, mein Kind,

Ob zwar deine blöden Sinnen

Meiner selten werden innen

Und um mich betrübet sind.

Sollt ich denn dich nun verlassen

Und dein lieblichs Seufzen hassen?

Sollt ich nicht zu jeder Zeit

Bei dir sein in Traurigkeit?

Zweifle nicht mein Täubelein,

Denn daß ich vor deiner Seele

Mich verberg und lang verhöhle,

Ist dir gut und muß so sein.

Wart, du wirst mich schon genießen

Und nach deinem Wunsche küssen,

Wenn ich dich aus dieser Qual

Führen werd in meinen Saal.

Wenn ich deine Lieb und Treu

Werde mit mir selbst belohnen

Und du ewig bei mir wohnen,

Aller Seufzer quitt und frei.

Als ich diesen Trost gehöret,

Ward mein Klagen bald zerstöret.

Voller Freude war mein Sinn

Und der Jammer ganz dahin.

Alle Vöglein deuchten mich,

Lieblicher als vor zu singen

Und der Westwind mir zu bringen

Kühlre Lüftlein, kühlern Strich.

Jesu, sprach ich, nun soll eben

Dir mein Sinn sein aufgegeben,

Alles Seufzen soll fortan

Sein nach deinem Willn getan.

Denn ich weiß, daß du, mein Licht,

Ob du mir zwar bleibst verborgen

Manchen Abend, manchen Morgen,

Dennoch wirst verlassen nicht.