Siebentes KapitelWie Rosamunde hofft und harrt

By Theodor Fontane

Written 1858-01-01 - 1858-01-01

Durch Woodstocks Laubengänge hin,

In heller Mittagsstunde,

Zieht nassen Aug's in trübem Sinn

Die schöne Rosamunde;

Sie tritt zu einer Ros' heran

Und pflückt sie und zerpflückt sie dann –

Ein Tropfen fällt hernieder.

Da plötzlich springt – den dürren Leib

Behängt mit schmutz'gen Loden,

Rasch in den Gang ein Bettelweib,

Als wüchs' es aus dem Boden;

Sie kreischt in widerlichem Ton:

„Gib nur die Hand, ich weiß es schon,

Du willst vom Liebsten wissen.“

Sie nimmt die Hand und drückt sie nun –

Auf schreit Schön-Rosamunde;

Die Alte murmelt: „Soll ich's tun?

Kein Lauscher in der Runde!“

Dann aber läßt die Hand sie frei

Und spricht wie mitleidsvoll: „Vorbei!

Betrogen, Kind, betrogen!“

Das Bettelweib, kaum daß sie's sprach,

Ist wieder sie verschwunden,

Schön-Rosamunde starrt ihr nach,

Gelähmt und schreckgebunden;

In Lüften eine Lerche singt –

Sie hört es nicht, im Ohre klingt

Das Sprüchel ihr der Hexe.