Sineds GesichtFußnoten
Written 1764-01-01 - 1764-01-01
Der Mitternacht Geflüster wecket mich
Auf meinem Lager. Ist's Walhallas Laut? –
Kein frommer Barde bleibet unbesucht
Von Lüftesöhnen. – Ha! wer naht sich mir;
Wer bist du? Gestalt!
Dein Schweben ist schön,
Dein Stahlgeschmeid' hell,
Dein Harfenspiel golden
Vom Lenze bekränzet,
Dein Auge voll Ruhe!
Du lächelst auf mich.
Ha, bist du nicht Kleist?
Der bin ich Sined! Lange sah' ich schon
Auf meinen Hügel nieder, horchete
Nach allen Winden, ob kein Barde mir
Mit seiner Klage käme. Keiner kam.
Und meine Freude bey den Seligen
War, wie des Mondes Antlitz, wenn ein Dunst
Sich von der Erde schwingend es beschleicht. –
Doch jetzo trat zum Hügel ein Liedermund,
Der Söhne Sachsens einer, und gab mein Lob
Dem Winde. Lüstern hing ich nieder,
Hörte mich Krieger und Barde nennen.
Drei Morgendämmerungen erklang sein Lied;
Die vierte sah ihn scheiden. Ich segnete
Des Edlen Abzug: Also soll dir,
Wenn sich im Felde dein Hügel aufhebt,
Gesang nicht fehlen! soll ein erhab'ner Sitz
Dein Lohn im liedervollen Walhalla seyn!
Ich habe meinen Ruhm empfangen.
Dank dir, o Sänger! o zeuch im Frieden!
Wer war der Freund der Heldengeister? Wer
Der Edle, der zum Steine deines Ruhm's
Sein Harfenspiel aus dieser Ferne trug?
O nenne seinen Namen, Bard' und Held!
Ich will ihn segnen, lieben will ich ihn.
Rhingulph war es, der den Legionentödter Herrmann sang,
Rhingulph, der dem Frömmsten uns'rer Barden
Von der Pleisse bis zur Wolkenburg
Mit dem schönsten Liede folgte,
Rhingulph, dessen Mund auch dich
Vor den Söhnen deines Volkes ehrte. –
Mich Rhingulph? vor den Söhnen meines Volks?
Du täuschest mich, Gestalt! Sein hoher Schwung
Wie fänd' er Sined in den Hunderten
Der Barden Teut's? Gestalt! du täuschest mich!
O Barde! sieh zurücke.
Du sangest einst von Joseph,
Wo kühle Lüfte scherzten
Um junge Wiesenblumen.
Da kam ein fremder Bardensohn,
Und nannte dich Bindengeschmückter,
Und nannte dich den Freund an Ossians Busen,
Dem Ossian am Abend seiner Augen
Die Harfe ließ. –
Wie war dir da?
Du sankest im süßesten Taumel
Entzücket auf Blumen dahin. –
Nun fuhrst du wieder auf,
Und wolltest ihn umarmen.
Weg war der Bardensohn,
Und – Rhingulph war der Bardensohn.
War Rhingulph das? und ach! der Harte ließ
So lange mich in Ungewißheit! Fast
Ergänzten sich die Monden zwölfmal schon.
Ich fragte jeden Fluß, der Deutschland nezt,
Und keiner rauschte mir's. O Bard' und Held,
So wie im Leben, noch der Freundschaft hold!
Dein Geist sey mir gesegnet! Scheide nun
Auf deinem leichten Wirbel! Unentdeckt
Blieb' Rhingulph meinen Saiten ungeehrt.
So lange soll sich nun ihr Dank erfreu'n,
Bis ihr Wonne Rhingulphs Ohr erreicht.