Sineds GesichtFußnoten

By Michael Denis

Written 1764-01-01 - 1764-01-01

Der Mitternacht Geflüster wecket mich

Auf meinem Lager. Ist's Walhallas Laut? –

Kein frommer Barde bleibet unbesucht

Von Lüftesöhnen. – Ha! wer naht sich mir;

Wer bist du? Gestalt!

Dein Schweben ist schön,

Dein Stahlgeschmeid' hell,

Dein Harfenspiel golden

Vom Lenze bekränzet,

Dein Auge voll Ruhe!

Du lächelst auf mich.

Ha, bist du nicht Kleist?

Der bin ich Sined! Lange sah' ich schon

Auf meinen Hügel nieder, horchete

Nach allen Winden, ob kein Barde mir

Mit seiner Klage käme. Keiner kam.

Und meine Freude bey den Seligen

War, wie des Mondes Antlitz, wenn ein Dunst

Sich von der Erde schwingend es beschleicht. –

Doch jetzo trat zum Hügel ein Liedermund,

Der Söhne Sachsens einer, und gab mein Lob

Dem Winde. Lüstern hing ich nieder,

Hörte mich Krieger und Barde nennen.

Drei Morgendämmerungen erklang sein Lied;

Die vierte sah ihn scheiden. Ich segnete

Des Edlen Abzug: Also soll dir,

Wenn sich im Felde dein Hügel aufhebt,

Gesang nicht fehlen! soll ein erhab'ner Sitz

Dein Lohn im liedervollen Walhalla seyn!

Ich habe meinen Ruhm empfangen.

Dank dir, o Sänger! o zeuch im Frieden!

Wer war der Freund der Heldengeister? Wer

Der Edle, der zum Steine deines Ruhm's

Sein Harfenspiel aus dieser Ferne trug?

O nenne seinen Namen, Bard' und Held!

Ich will ihn segnen, lieben will ich ihn.

Rhingulph war es, der den Legionentödter Herrmann sang,

Rhingulph, der dem Frömmsten uns'rer Barden

Von der Pleisse bis zur Wolkenburg

Mit dem schönsten Liede folgte,

Rhingulph, dessen Mund auch dich

Vor den Söhnen deines Volkes ehrte. –

Mich Rhingulph? vor den Söhnen meines Volks?

Du täuschest mich, Gestalt! Sein hoher Schwung

Wie fänd' er Sined in den Hunderten

Der Barden Teut's? Gestalt! du täuschest mich!

O Barde! sieh zurücke.

Du sangest einst von Joseph,

Wo kühle Lüfte scherzten

Um junge Wiesenblumen.

Da kam ein fremder Bardensohn,

Und nannte dich Bindengeschmückter,

Und nannte dich den Freund an Ossians Busen,

Dem Ossian am Abend seiner Augen

Die Harfe ließ. –

Wie war dir da?

Du sankest im süßesten Taumel

Entzücket auf Blumen dahin. –

Nun fuhrst du wieder auf,

Und wolltest ihn umarmen.

Weg war der Bardensohn,

Und – Rhingulph war der Bardensohn.

War Rhingulph das? und ach! der Harte ließ

So lange mich in Ungewißheit! Fast

Ergänzten sich die Monden zwölfmal schon.

Ich fragte jeden Fluß, der Deutschland nezt,

Und keiner rauschte mir's. O Bard' und Held,

So wie im Leben, noch der Freundschaft hold!

Dein Geist sey mir gesegnet! Scheide nun

Auf deinem leichten Wirbel! Unentdeckt

Blieb' Rhingulph meinen Saiten ungeehrt.

So lange soll sich nun ihr Dank erfreu'n,

Bis ihr Wonne Rhingulphs Ohr erreicht.