Sommer

By Annette von Droste-Hülshoff

Written 1822-01-01 - 1822-01-01

Du gute Linde, schüttle dich!

Ein wenig Luft, ein schwacher West!

Wo nicht, dann schließe dein Gezweig

So recht, daß Blatt an Blatt sich preßt.

Kein Vogel zirpt, es bellt kein Hund;

Allein die bunte Fliegenbrut

Summt auf und nieder übern Rain

Und läßt sich rösten in der Glut.

Sogar der Bäume dunkles Laub

Erscheint verdickt und atmet Staub.

Ich liege hier wie ausgedorrt

Und scheuche kaum die Mücken fort.

O Säntis, Säntis! läg' ich doch

Dort, – grad' an deinem Felsenjoch,

Wo sich die kalten, weißen Decken

So frisch und saftig drüben strecken,

Viel tausend blanker Tropfen Spiel;

Glücksel'ger Säntis, dir ist kühl!