Sonne

By Gerrit Engelke

Written 1918-01-01 - 1918-01-01

Allmächtig prächtig Glutgestirn,

Überwältigend emporwirbelnd, aufdonnernd vor Licht über Wolkenfirn

In flutblau schäumende Himmelshallen,

Die aus unendlichem ewig herniederfallen:

Unter dir sind: Waldmeere, der Flüsse Geäder, Felsballen,

Und der grenzenlos hindunstende Tag

Von Anfang zu Anfang.

Erster Tag der Farnwälder und Saurier; ersten Blutes, Pulses Schlag,

Da aus der Mutter gewölbtem Leib ein Kind den Erdenodem trank!

Oh! wie da aus aller Runde orgelnd: Leben! Leben! sang –

Mächtig aufrauschten die Vaterstimmen der Fluten dem Gebärten,

Die grauen Ur-Steingebirge schauerten in ihren Bärten,

Und Blüten, Blüten fielen tausendfroh aus Blumenhainen

Und ein kindlich Lallen und erhaben Weinen. – – –

Und regten sich tief unter deinem Feuerangesicht:

Der Heerscharen Gewimmel, Aufruhr und Kampfgericht,

Gelage bei Leichen, Sturzwassernot, Meucheltod –

Schwarzqualmender Städtemord, wild und funkenrot, –

Vom Haß, vom Leid zerpflügtes und zerfleischtes Land. – –

Und wieder bricht dein Feuerknäul durch Nacht und Wetterwand:

Seht da: London! Tower-Bridge, Dom, Westminster,

Palastfronten von grauem Nebel triefend, morgenfinster –

Auf einmal: brennend, auflodernd, Türme glühen,

Park, Alleestraßen, Fußgänger, Volk, Volk sprühen,

Aufquirlend, hingerissen im gleißenden Mittagsgold!

Und Wagen-Strom schiebt, knattert unendlich – rollt, rollt –

Und wieder, seht: Berlin! Häusergevierte, Warenhausblöcke,

Straßen-Netze, Kaufmannschaft, Damen, Uniformröcke,

Paraden-Märsche, Lärm von Autos, Omnibussen, Gäulen

Um Reichstagsgebäude, Museen, Bahnhöfe, Denksäulen –

Und abermals! Da: Peking! Papierlaternen um Pagoden,

Gong-Musik, Zithergeklimper; gelbe, blumige Seidenmoden

Der zierlich trippelnden Frauen und Holzschuhgeklopf –

Rassig magere Kulis, Mandarinen mit Schirm und Zopf

Huschen vor Konfutses Tempel, dastehend aus Teak, Glasurziegeln.

Und fern: Pei-Ho! Jangt-se-kiang! Fließender Spiegel:

Darin: Dschunken mit Mattensegeln, Haus- und Blumenboote,

Von Flußpiraten erstochene, rundbäuchige, treibende Tote. –

Und endlich: gigantisch, olympgroß: New-York!

Rauch – Rauch – Ahnung von Arbeit, Tosen und Grenzlosem

Über fensterquadrierten Steinbergen, Hauskathedralen,

Beton-Türmen, Kuppeln, Menschheit-Arsenalen –

Breit walzende Avenuen, Squares; Würfeleinschnittgefüge –

Kletternd: elektrische Untergrund- und Hochbahnzüge –

Plötzlich: brandend, blendend gewaltig Licht über Licht!

Unten: anbrechend die Nachmittagsschicht:

Gefauch, Geklirr, Sirenen-Heulen, zischender Dampf, Gehämmer,

Ozean-Riesen, Mammut-Schiffe wühlen aus dem Dunstdämmer,

Rhode-Island-Dampfer, Hudson-Pinassen an Mole und Pier:

Stündliche Schlacht, Lebenseroberung, Gold-Wut, Brot-Gier.

Darüber, bogenspringend, tragend Bahnen, Männer, ohne Lücke:

Fein schütternde, kilometerlange Brookliner Hängebrücke!

Alles, alles: brausend, stoßend in tausendfach spielendem Licht,

Das aus der Eisensäulen Wolkenkronen bricht!

Allmächtig, prächtig Glutgestirn,

Emporwirbelnd, aufdonnernd vor Helle über Wolkenfirn:

Es ist kein Tag, der nicht von dir zerglüht, versengt, erbleicht

In Meere, Prärieen, Städte sich abendmüde, leblos neigt und schweigt.

Und keine Sterne – Nacht, die sich in blindem Durste schnell verblüht,

Bis wieder Morgen! Morgen! Wolken, Wellen Menschenhäupter übersprüht.

Du Gottgestirn, flammensausender Blick und Auge ungeheuer:

Du hältst, umwärmst und brennst mit deiner Güte Feuer:

Gewölk, Getier, Gezeiten, Menschheit aller Zonen,

Erdniedersingend, himmelüberschwingend in Aeonen,

Äquator, Pol – Europa und auch Asien?

O, unser aller, meine deine lebenheiße Welt

Von unaufhörlich gutem, ewig großem Tage überhellt,

Von Sonne! Sonne, Sonne!