Sonnenblicke

By Otto Julius Bierbaum

Written 1883-01-01 - 1883-01-01

Leises Blätterrauschen rings,

Traumhaft, wie im Märchenwalde ...

Vogelsingen von den Zweigen,

Schmelzend bald in langgezogenen,

Schluchzenden Tönen, bald in lautem,

Hochaufschmetternden Jubelruf. –

Leise der Wind weht ... Leise die Düfte

Ferner Blumen schwanken im Winde.

Schweigend kreisen Blüten und Blätter

Langsam nieder – frühgewelkte;

Milde blickt mit tausend blauen

Augen durchs Geäst der Himmel ...

Blaue, milde, schöne Augen,

Feucht erglänzend in fraulicher Güte,

Haben mir tief in die Seele geleuchtet –

Sonnenblicke, Sonnenblicke ...

Trüb und dumpf, von Qual und Zweifel

Aufgestachelt und niedergedrückt,

Schwankte mein Herz in öder Leere.

Sehnsucht, Sehnsucht breitete aus,

Schloß und breitete wiederum

Ihre dürren Arme aus ...

Träume, nur Träume kamen und schauerten

Holde Bilder in meine Seele,

Schönheitsvolle glückselige Bilder,

Buntgestaltige, schön in Liebe, –

Aber mit rauhem Griffe zerriß

Grausam kalt die unerbittliche,

Grelle Wirklichkeit die schimmernden,

Und mein thränenloses Auge

Sah in die Welt zu klar, zu klar. –

Drinnen, tief im leeren Innern,

Ewige Nebelnacht der Seele,

Kalt und schweigend,

Einsam,

Todt –:

Unkrautüberwucherter Friedhof

Hingestorbener Gefühle.

Gräßliche Ruhe. Ruhe des Scheintods;

Stummes Krampfen, jäh unterbrochen

Schmerzlich von zuckenden, heulenden Stößen

Wühlenden Verzweiflungssturms.

Milde glanzvoll, feucht erschimmernd,

Sonnenstrahlenklar und wärmend

Drang in dieses stumme Dunkel

Zweier Augen seliges Licht.

Helle wards. Und heiter weitete

Sich das Herz im freundlichen Schimmer

Dieser Menschen-Sonnenblicke,

Und es keimte, schwellte, wuchs,

Drangvoll, frühlingsgläubig, selig

In dem milden, warmen Lichte

Hoch empor die Blüte der Liebe.