Sonnenwendspuk

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

Da blitzt aus mitternächtgem Dunkel

ein ferner fahler Schein herauf;

mit Augen, licht wie Sterngefunkel

steht meine Kindheit vor mir auf;

sie grüßt so süß, und lächelnd lauschen

möcht ich den Worten, die sie spricht, –

ich hör ihr Raunen, Flüstern, Rauschen,

doch ihren Sinn erfaß ich nicht.

Da hallt in nächtlich-tiefem Schweigen

ein leiser Laut wie Harfenton,

da gaukelt um mein Bett ein Reigen

von Freuden, die mir längst entflohn –

Mir ist, als sollt noch einmal wenden

die dunkle Bahn sich sonnenwärts:

mit leisen, kühlen Geisterhänden

pocht meine Jugend an mein Herz.

O Kinderlust, verklungne Weise

von Heimatflur und Vaterhaus,

du nahst wie Gottes Engel leise

und teilst des Lichtes Botschaft aus –

O Liebe, die mit Rosenketten

mein liedersprühend Haupt umwand,

kommst du noch einmal, mich zu retten,

zu retten von des Abgrunds Rand?! –

Von der Adventszeit geht die Sage,

sie locke manch verlornes Kind

zur Heimkehr – ach, durch leere Hage

streicht seufzend der Dezemberwind,

das ist die Nacht der Sonnenwende, –

doch glänzt für mich kein Weihnachtslicht –

O Herr im Himmel, mach ein Ende,

denn meine Kraft zerbricht – zerbricht! –

O Herr im Himmel, mach ein Ende! –

doch schon erblaßt der matte Schein;

dumpf schlägt die Uhr: – der Sonnenwende

Gespensterstunde bricht herein.

Und wieder tönt ein Raunen, Locken

wie Nixensang, wie Geisterchor. –

Mit fliegenden Pulsen, tief erschrocken

richt ich vom Lager mich empor.

Ein Gaukeln ist's, ein irres Schweifen –

die alten Götter sind erwacht,

die fieberheiße Stirne streichen

mir Schemen der Mittwinternacht, –

aus längst verschollner Vorzeit Feiern

klingt Zauberkunde dumpf herauf:

das Haupt umhüllt von Nebelschleiern

steht meine Zukunft vor mir auf.

Sie hebt beschwörend ihre Hände,

wie Drudenweisheit klingt ihr Spruch:

„Du stehst an deines Lebens Wende –

nun gilt es Segen oder Fluch!

Zwei Wege hat auch dir beschieden

geheimnisvolle Schicksalsmacht –

der eine führt zu Licht und Frieden,

der andre in die ew'ge Nacht.

Der eine führt durch steinige Gründe,

der andre durch ein blumig Tal –

ein Pfad des Lichts – ein Pfad der Sünde!

Die Götter lassen dir die Wahl!

Es quillt empor aus einem Borne

des Guten Strom – des Bösen Macht“ –

so klingt der Spruch der Schicksalsnorne

in schweigender Mittwinternacht.

Ihr Blick erlischt in Sterngefunkel,

ihr Wolkenkleid zerfließt in Luft;

nun hellt kein Schimmer mehr das Dunkel,

und keine süße Stimme ruft.

Ein Warner war es – kein Erretter,

der dem Gefallnen naht voll Huld, –

klug sind sie doch, die ew'gen Götter,

und wahren sich vor jeder Schuld! –

Klug sind sie schon seit Odins Zeiten:

sie gaben uns ein fühlend Herz,

sie stellten uns in Kampf und Streiten,

sie warfen uns in Not und Schmerz.

Sie weisen uns den Kelch der Rose

und mahnen höhnend zur Geduld . . .

und bricht der Schild im Kampfgetose,

so tragen eben wir die Schuld!

Zwei Wege wurden uns beschieden

durch strengverhüllte Schicksalsmacht:

der eine führt zu Licht und Frieden,

der andre in die ew'ge Nacht.

Der eine: Tragen und Entsagen,

der andre: Lust und Lebensmut. –

Und wird der Himmel mir zerschlagen,

so geh ich durch der Hölle Glut.