Sonnet, Vff einen Kuß.

By Martin Opitz

Nach aller meiner Noth nach so viel Angst vnd Klagen

Nach Seufftzen Ach vnd Wehe nach schmertz vnd trawrigkeit

Nach dem wodurch mein Hertz befandt sein höchstes Leidt

Ist doch mein Lieb bewegt mir eins nit abzuschlagen.

Ich mag gewißlich wol von gutem Glücke sagen

Ich bin durch jhren Mund zu letzte noch erfreüt

Ein Nectar-küssichin ward mir nach langem Streit

Die grosse Gunst hab ich dannoch davon getragen

Der Tau der süsse Tau der auff den Lippen schwebt

Der Tau der süsse Tau dadurch mein Geist noch lebt

Thut alle meine Furcht thut Noth vnd Trauren scheiden.

Ihr Götter die jhr seht auff alles dieser Erdt

Diß vbergrosse Freud mir nit zum ärgsten kehrt

Der Kuß ist wol verkaufft vmb all mein bitter Leiden.