Sonntagsmorgen

By Anastasius Grün

Written 1842-01-01 - 1842-01-01

Zu dem Dome wallt die fromme Menge,

Sonntag ist's! Horch Glocken, Orgelklänge

Uebers Meer hinzittern auf und nieder

Glockentöne, Orgelkläng' und Lieder.

Und ein neues Glanzmeer scheint zu liegen

Auf der Fluth und tönend sich zu wiegen:

Rauschen Sonnenstrahlen klingend nieder,

Oder glänzen Orgeltön' und Lieder?

Wie so ruhig ist die ew'ge Weite!

Wie so feierlich die Ufer heute!

Von dem grünen Strand zum Meere schwingen

Blüthenflocken sich mit Schmetterlingen.

Sonne ward zur Ampel heut im Dome,

Und das Goldgewölk' zum Weihrauchstrome;

Weh'nde Flaggen, Rosenfinger, deuten

Meiner Sehnsucht in die fernen Weiten!

Tauben dort, die über'm Meere kreisen,

Sonst nur Bettler, die nach Nahrung reisen,

Heute doch im silbernen Gewande

Flügelpilger zum gelobten Lande!

Und es schaukelt sanft im Lilienkahne

Meine Seele auf dem Ozeane,

Liebespsalme, Friedenshymnen singend,

Myrtenzweig' und weiße Fahnen schwingend.

Wie die Gläub'gen in den Kirchengängen

Fromm mit heil'gem Weihbronn sich besprengen,

Netz' ich meine Hand im Fluthenspiegel:

Stirn' und Herz, empfangt der Weihe Siegel!