Spaziergang

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

Ueber der tauigen Wiese liegt

ein feiner, dämmernder Nebelstreif;

um deine träumende Stirne schmiegt

sich ein schmaler sonniger Reif.

Und küßt die Sonne den Nebel bleich,

dann wächst aus der Wiese ein goldnes Haus,

dann breitet ein blühendes Königreich

sich bis an die blauenden Berge aus.

Eine flammende Fahne weht vom Turm,

aus den Hallen klingt es wie Jubelschrein,

– ein Sonnenrausch, ein Freudensturm

bricht über das harrende Land herein.

Hoch über die Häupter der Berge fliegt,

im Blau verzitternd, ein blasser Streif . . .

um deine leuchtende Stirne liegt

glitzernd der goldene Reif.