Spinnlein

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

Maiblumen pflückt ich mir einen Strauß

und brachte ihn abends mit nach Haus

und stellte ihn in ein Wasserglas

auf den Schreibtisch neben mein Tintenfaß –

und schlief und träumte von Blumenblühn,

von Wogenrauschen und Waldesgrün,

und als die Sonne ins Zimmer sah,

welch lieblich Wunder beschien sie da:

ein Spinnlein, das ich vergangene Nacht,

im Strauß verborgen, mit heimgebracht,

war seiner duftigen Haft entronnen

und hatte ein schimmerndes Netz gesponnen;

das schwankte nun zwischen dem Blumenglas

und dem Liederbuch über dem Tintenfaß.

Da lacht ich: du willst eine Dichterin sein –

und die Spinnen spinnen dein Tintfaß ein?

So laß es gelten als freundliches Bild:

das Lied, das dir frisch aus der Seele quillt,

schreib es nicht nieder mit Stift und Stahl, –

gib es dem leuchtenden Sonnenstrahl

und sing es hinaus in die blühende Welt . . .

Nachsingen mag es, wem es gefällt!