St. Meinrad

By Ludwig Achim von Arnim

Written 1806-01-01 - 1806-01-01

Graf Berthold von Sulchen, der fromme Mann,

Er führt sein Söhnlein an der Hand;

Meinrad, mein Söhnlein von fünf Jahren,

Du mußt mit mir gen Reichenau fahren.

Hatto, Hatto, nimm hin das Kind,

Alle liebe Engelein mit ihm sind;

Die geistlich Zucht mag er wohl lernen,

Und mag ein Spiegel der Münche werden.

Er ging zur Schul barfuß ohne Schuh;

Und legt die geistlich Kunst sich zu;

Die Weisheit kam ihm vor der Zeit,

Da ward er zu einem Priester geweiht.

Da schickt ihn Hatto auf den Zürcher See,

Daß er ins Klösterlein bei Jona geh;

Bei Jona zu Oberpollingen,

Da lehrt er die Münch beten und singen.

Da er lange ihr Schulmeister war,

Und ihn die Brüder ehrten gar;

Thät er oft an dem Ufer stehen,

Und nach dem wilden Gebirg hinsehen.

Sein Gewissen zog ihn zur Wüste hin,

Zur Einsamkeit stand all sein Sinn;

Er sprach zu einem Münch: Mein Bruder,

Rüst uns ein Schifflein und zwey Ruder.

Ueber See zur Wildniß zur Wüsteney,

Hab ich gehört gut fischen sey;

Da gehn die Fischlein in den einsamen Bächen! –

Ja Herr, mein Meister, der Münch thät sprechen.

Sie fuhren gen Rapperswyl über See,

Zu einer frommen Wittib sie da gehn;

Bewahr uns die Gewand, sie zu ihr sprechen,

Daß sie uns nicht in der Wildniß zerbrechen.

Sankt Meinrad und der Bruder gut,

Sie folgten wohl der Bächlein Fluth;

Sie fischten hinan in dem Flüßlein Sille,

Bis in die Alp gar wild und stille.

O Herr und Meister, lieber Sankt Meinrad,

Wir haben Fischlein schon mehr als satt;

Noch nit genug Meinrad da saget,

Steigt wo der Finsterwald herraget.

Und da sie gegangen den dritten Tag

Im finstern Wald eine Matte lag;

Ein Born da unter Steinen quillet,

Da hat Sankt Meinrad den Durst gestillet.

Nun lieber Bruder, nun ists genug,

Gen Rapperswyl die Fisch er trug;

Die fromm Wittib stand vor der Pforten,

Und grüßt die Münch mit frohen Worten.

Willkomm, willkomm ihr bleibt schier lang,

Die reißende Thier, die machten mich bang;

Die Fisch, die thät sie braten und sieden,

Die assen sie in Gottes Frieden.

Frau hört mich an durch Gott den Herrn! –

Die Wittib sprach: Das thu ich gern!

Ein armer Priester hat das Begehren,

Sein Leben im Finsterwald zu verzehren.

Nun sprecht ob hier ein Frommer leb,

Der ihm ein klein Almosen geb;

Sie sprach: Ich bin allein allhiere,

Ich werd ihm ein Almoseniere.

Da thät Sankt Meinrad ihr vertrauen,

Daß er sich wollt ein Zelle bauen;

Und kehrt nach Oberpollingen,

Thät noch ein Jahr da beten und singen.

Aber die Einsamkeit drängt ihn sehr,

Er hat kein ruhig Stund da mehr;

Und eilt nach Rapperswyl zu der Frauen,

Die ließ ihm da seine Zelle bauen.

Am Etzel wohnt er sieben Jahr,

Viel fromme Leut die kamen dar;

Seine Heiligkeit macht groß Geschrey,

Und zog da gar viel Volks herbei.

Solch weltlich Ehr bracht ihm viel Schmerz,

Sein Hüttlein rückt er waldeinwärts;

Zum finstern Wald, wo das Brünnlein quillet,

Das ihm einst seinen Durst gestillet.

Und wenn er sich das Holz abhaut,

Daraus er seine Zelle baut;

Findt er ein Nest mit jungen Raben,

Die thät er da mit Brod erlaben.

Die fromm Frau auch von Rapperswyl

Schickt ihm Almosen ein gut Theil;

So lebt er während funfzehn Jahren,

Sein Freund die beiden Raben waren.

Von Wollrau war ein Zimmermann,

Der kam da zu dem Wald heran;

Und bat auch den St. Meinrad eben,

Sein Kindlein aus der Tauf zu heben.

Da gieng St. Meinrad hinab ins Land,

Dem Zimmermann zur Taufe stand;

Und kam da wieder zu vielen Ehren,

Das thäten zwei böse Mörder hören.

Peter und Reinhard dachten wohl,

St. Meinrads Opferstock wär voll;

Und wie sie zum Finsterwald eintreten,

Die Raben schreien in großen Nöthen.

St. Meinrad las' die Meß zur Stund,

Der Herr thät ihm sein Stündlein kund;

Da betet er aus ganzer Seele,

Daß ihn der Himmel auserwähle.

Die Mörder schlagen an die Thür:

Du böser Münich tret herfür;

Thu auf, gieb uns dein Geld zusammen,

Sonst stecken wir dein Haus in Flammen.

Im Finsterwald schallts ganz verworrn,

Die Raben mehren ihren Zorn;

Um ihre Häupter sie wüthend kreisen,

Nach ihren Augen hakken und beißen.

St. Meinrad sanft zu ihnen tritt,

Bringt ihnen Brod und Wasser mit;

Eßt, trinkt, ihr Gäste, seyd willkommen,

Dann thut, warum ihr hergekommen.

Der Reinhard sprach: Warum komm ich?

St. Meinrad sprach: Zu tödten mich;

Da schrien sie beide: Kannst du es wissen?

So werden wirs vollbringen müssen.

Nun gieb dein Silber und all dein Gut! –

Da schlugen sie ihn wohl aufs Blut;

Und da sie seine Armuth sahen,

Thäten sie ihn zu Boden schlagen.

Da sprach der liebe Gottesmann:

Ihr lieben Freund nun hört mich an;

Zündt mir ein Licht zu meiner Leiche,

Dann eilt, daß euch kein Feind erreiche.

Der Peter gieng da zur Kapell,

Zu zünden an die Kerze hell;

Die thät durch Gott von selbst erbrennen,

Die Mörder da ihr Schuld erkennen.

Die Kerze brennt an seiner Seit,

Ein Wohlgeruch sich auch verbreit;

Sein Seel thät zu dem Himmel ziehen,

Die Mörder da erschrocken fliehen.

Aber die frommen Raben beid,

Die gaben ihnen bös Geleit;

Um ihre Häupter sie zornig kreisen,

Und ihnen Haar und Stirn zerreissen.

Durch Wolrau kamen sie gerannt,

Der Zimmermann die Raben kannt;

Da thät er seinen Bruder bitten,

Zu folgen ihren wilden Schritten.

Indeß lief er in den Finsterwald,

Sucht seinen lieben Gevatter bald;

Der lag erschlagen auf grüner Heide,

Die Kerze brannt an seiner Seite.

Er küßt ihn auf den blutgen Mund,

Hüllt in den Mantel ihn zur Stund;

Legt weinend ihn in die Kapelle,

An seines heilgen Altars Schwelle.

Und eilt herunter in das Land,

Sein Jammer allen macht bekannt;

Und schickt hinauf sein Kind und Frauen,

Nach ihrem heilgen Freund zu schauen.

Die Mörder fand er im Wirthshaus,

An der Schifflande zu Zürich draus;

Die Raben stießen die Fenster ein,

Und warfen um das Bier und Wein.

Die Mörder man ergriff und band,

Ihr Schuld, die haben sie bekannt;

Und bis hin auf den Scheiterhaufen,

Die Raben sie wohl hakken und raufen.

Der Abt zu Reichenau da hört,

Der fromm St. Meinrad sey ermördt;

Schickt auch mit Licht und Fahn viel Brüder,

Zu holen des St. Meinrads Glieder.

Und da der Leib zum Etzel kam,

Wo er gewohnt der heilge Mann;

Da war der Sarg nicht zu bewegen,

Sie mußten ihn da niederlegen.

Sein heilig Herz und Ingeweid

Sie da begruben zu der Zeit;

Den Leib sie dann mit Beten und Singen

Nach Reichenau zur Kirche bringen.

Wo er gestorben und gelebt,

Das Kloster Einsiedeln sich erhebt;

Für fromme Pilger ein Wunderquelle,

Quillt dort in St. Meinrads Kapelle.