Stamford an GöckingkFußnoten

By Leopold Friedrich Günther von Goeckingk

Written 1784-01-01 - 1784-01-01

Geliebter Sänger

An Lahra's Höhn!

Nun werd' ich länger,

Als je geschehn,

Von dir nichts hören

Und dir nichts sehn!

Denn sieh! wir stehn

Mit zweien Heeren

Dem Feinde nah,

Das Schwert in Händen,

Den Zwist zu enden,

Zum Kampfe da.

All mein Beginnen

Ist nun: zu sinnen,

Wie noch so sehr

Verwachsne Wege,

Für Friedrichs Heer,

Und Felsenstege

Gut und geschwind

Zu bahnen sind;

Und wie ich Flecken,

Nur eingefaßt

Von Zaun und Hecken,

In aller Hast

Durch Kunst soll decken;

Nach dem Clairac

Wall und Verhack

Darum erbaun,

Den Feind zu schrecken,

Dem nie zu traun.

Statt, Schattenwegen,

Wie Dichter pflegen,

Still nach zu gehn,

Und dann am Quelle

Die Rasenstelle,

Wo Zephyrs wehn,

Und Veilchen stehn,

Zum Grillensitze

Mir auszusehn,

Muß ich vor Hitze

Nun schier vergehn;

In schwülen Tagen,

Von Höhn auf Höhn

Mich müde jagen

Und müde gehn,

Des Feindes Lage

Früh auszuspähn,

Und, trotz der Plage,

Noch wohl dazu

Mich glücklich preisen,

Wenn mir die Reisen

Nur sonst in Ruh'

So so noch glücken!

Denn unverhofft

Trifft man in dicken

Gehölzen, oft

Tiroler an,

Die aus den Hecken,

Worin sie stecken,

Auf ihren Mann

Mit wilden Blicken

Ihr Rohr in Eil'

Ans Auge drücken,

Des Todes Pfeil

Zum Ziele schicken,

Und, stürzt der Held,

In jene Welt

Unangemeldt

Ihn überschicken.

Doch, was ist Müh'?

Was sind Gefahren?

Die scheut' ich nie.

Wenn Engel nur

Dein Haus und Flur

Und dich bewahren!

Gottlob! noch blinkt

Durch deine Saaten,

Kein Heer Kroaten,

Das, statt der Thaten,

Die Gleim besingt,

Bei Nacht und Nebel

Mit blankem Säbel

In Dörfer dringt,

Wo Arm' es schrecket

Und elend macht,

Die's unbewacht,

Und unbedecket,

Und wehrlos sieht,

Doch scheu, wie Rehe,

Von Höh' zu Höhe

Gar bald entflieht,

Wenn's Feinde sieht.

Noch lärmt und sucht

Dich kein Husar

Im Haus', und flucht

Und droht Gefahr,

Leert deine Flaschen,

Und deine Taschen,

Und stellet sich

Schier so vermessen,

Als wollt' er dich

Lebendig fressen.

An Lahra's Höhn,

Entfernt vom Jammer,

Den wir hier sehn,

Weckt zwar der Hammer

Dich mannigmal

Vom süßen Schlummer

Zu Sorg' und Kummer,

Weil fern im Thal'

Die Harz-Vulkane

Nun Tag vor Tag

Des Kriegs Orkane

Mit schwerem Schlag'

Uns zubereiten.

Doch weil zu Zeiten

Auf dieser Welt

Den müß'gen Leuten

Der Krieg gefällt,

Und über alle

Der Kriegesheld

Seit Adams Falle

Sich wichtig hält,

Als ob die Ehre,

Ein Held zu seyn,

Die Ehr' allein,

Was größers wäre,

Als das zu seyn,

Was wir hienieden

In Ruh' und Frieden

All' könnten seyn:

So laß den walten,

Der uns erschuf,

Und dessen Ruf

Den Ocean

In Schranken halten,

Und dir erhalten

Den Bruder kann,

Der dir von sieben

Allein geblieben.

Ich aber, ich,

Um den seit Jahren

Kein Auge sich

Mehr trübe weint,

Will jedem Feind',

Und den Gefahren

Mit frohem Muth'

Entgegen sehen,

Und soll's geschehen,

Daß ich mein Blut

Auf dieser Scene

Verspenden muß:

So weih' die Thräne

Der Freundschaft mir,

Und nimm itzt hier

Den Abschiedskuß.