Stille Größe.

By Annette von Droste-Hülshoff

Ich klage nicht den Mann, der fällt

Ein Markstein dem erkämpften Land,

Der seines Schicksals Becher hält,

Ihn mischend mit entschlossner Hand,

Ihn, der entgegentritt dem Sturm

Und weiß, daß er die Eiche bricht;

Wer war so reich wie Götz im Thurm,

Wie Morus vor dem Blutgericht?

Ich klage nicht den Mann, der stirbt,

Von Welt und eigner Glut verzehrt,

Ihn, dem des Halmes Frucht verdirbt

Und den des Himmels Manna nährt;

Correggio nicht, der siech und falb

Die Kupferheller heimgebracht,

Cervantes, der verhungert halb

Ob seines Pansa noch gelacht.

Sie sind des Unglücks Fürsten, sind

Die Mächtigen im weiten Blau,

Sie fühlen, daß ihr Odem rinnt

Entzündend um der Erde Bau,

Daß nur aus dunkler Scholle gern

Und freudig schießt der Erndte Kraft,

Und daß zerfallen muß der Kern,

Soll strecken sich der Palme Schaft.

Ihn klag’ ich, dessen Liebe groß

Und dessen Gabe arm und klein,

Den, wie die Glut das dürre Moos,

Sengt jener Strahlen Wiederschein;

Ihn, der des Funkens Irren fühlt

Verzehrend in der Adern Bau,

Und den die Welle dann verspühlt,

Ein Aschenhäuflein, karg und grau.

O, eure Zahl ist Legion!

Ihr Halbgesegneten, wo scheu

In’s Herz der Genius gefloh’n,

Und öde ließ die Phantasei;

Ihr, die ihr möchtet flügellos

Euch schwingen mit des Sehnens Hauch,

Und nieder an der Erde Schooß

Sinkt, wie ein kranker Nebelrauch.

Nicht klag’ ich euch, weil ihr gering,

Nicht weil ihr ärmlich und versiegt;

Ich weiß es, daß der Zauberring

Euch unbewußt am Finger liegt;

O ihr seid reich und wißt es nicht,

Denn reich ist nur der Träume Land;

O ihr seid stark und wißt es nicht,

Denn stark ist nur der Liebe Band.

Wenn ihr am leeren Pulte neigt

Und an der öden Staffelei,

Um euch des Himmels Odem steigt

Und in euch der Beklemmung Schrei;

Wenn zitternd nach dem Ideal

Ihr eure heißen Arme streckt,

Und kaum für’s nächste Kummermahl

Den Halm die nächste Furche reckt.

Dann seid ihr mehr als der Poet,

Der seines Herzens Blut verkauft,

Mehr als der Künstler, der so spät

Zur Heil’gen die Hetäre tauft;

Was ihr verschweigt, ist lieblicher

Als je des Dichters Stirn gekrönt,

Was ihr begrabt, ist heiliger

Als Farb’ und Pinsel je verschönt.

Mir gab Natur ein kühnes Herz,

Ich senke nicht so leicht den Blick;

Mich drückt nicht Größe niederwärts,

Drängt keine fremde Hand zurück;

Nie hat des Ruhmes Strahlenkranz

An fremder Stirne mich gegrämt;

Doch vor so stillen Blickes Glanz

Hab’ ich mich hundertmal geschämt.

Weinende Quellen, wo sich rollt

Das Sonnenbild im Wellenbann,

Glühende Stufen, wo das Gold

Nicht aus der Schlacke brechen kann;

Ich klag’ um euch, weil ihr betrübt,

Weil euch das Herz von Thränen schwillt,

Unwissend Sel’ge, weil ihr liebt,

Und zweifelt an der Gottheit Bild.

Behütet euren stillen Schatz,

Laßt uns das sonnenöde Land!

Laßt uns den freien Bühnenplatz

Und sterbt im Winkel unbekannt;

Einst wißt ihr, was in Euch gelebt,

Und was in dem, der Euch gehöhnt;

Einst, wenn der Strahlengott sich hebt

Und wenn die Memnonssäule tönt.