Stubnitz und Stubbenkammer Wald und Kreidenufer auf Jasmund. In jenem finden sic...

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Wer bist du, der des Wandrers Herz

Mit unbekanntem Graun durchströmt?

Sein Haar ihm leise sträubt? —

O Hayn der Hertha, Lieblingssitz

Der hehren Göttin, Heiligthum

Der Vorwelt, sey gegrüsst!

Sey mir gegrüsst, geweihter Hayn!

Mit heilger Scheu, mit leisem Graun

Beschreit' ich deine Nacht.

Wie dunkel ist die Nacht! Es flammt

Am Himmel hoch die Mittagssonn'.

Im Wald' ist Mitternacht.

Und tiefer in den tiefen Wald

Verloren irr' ich. Rings umher

Ist feyerliches Still.

Jtzt wimmert es aus hohler Schlucht;

Jtzt lispelt es im Buchenlaub;

Jtzt flistert's in dem Schilf. —

Es öffnet sich des Walles Ring,

Den rings die Väter schütteten

Zum Schirm des Heiligthums.

Des Tempels Thore thun sich auf.

Das Allerheiligste empfängt

Den bangen Wanderer.

Wie brüllt das Meer! Wie saust der Wald!

Wie raucht der blut'ge Opferstein!

Der schwarze Pfuhl erdampft.

Das Messer blinkt. Der Stein erdampft

Von lauem Menschenblut. Das Meer

Erbrüllt. Es braust der Wald.

Mich schauert schauernder. Mein Fuss

Entwankt der grauenvollen Nacht,

Dem mordgeweihten Hayn.

Daher durch Waldes Dunkel glänzt

In feyerlicher Majestät

Das düsterblaue Meer.

Anbetend dich zu schaun, den Fuss,

O erdesäugend Meer, in dir

Zu nässen, dräng' ich mich

Das Dickicht durch. — Des Waldes Nacht

Wird Dämmerung — Zurück! zurück

Vom Saum der Uferwand!

Ha Babelufer! Schwindel fasst

Den Staunenden, und lös't sein Knie,

Und wirft ihn betend hin!

Dich, Obelisk der Ewigkeit,

Dich thürmete dem Ewigen

Die dankende Natur.

Lasst, Freunde, uns den stickeln Pfad

Hinunter klimmen! Huldigen

Lasst uns dem heiligen Meer! —

Wie schwillet seine Kraft! Wie stäupt,

Wie geisselt die empörte Fluth

Den buntgedämmten Strand!

Am hohen Ufer donnernd bricht

Die Brandung sich, ermannt sich, kehrt

Mit neuem Grimm, und stäupt

Die alte Felsenwand. Umsonst!

Sie steht und beut der Stürmenden

Die schaumbesprützte Brust.

So ziemt es dir, o Vaterland!

Also des hohen Vaterlands

Erhabner Markstein, dir!

Steh' ewig, hoher

Und ewig ruf' es, Herrlicher,

Dem Meerdurchschwärmer zu:

„halt still, o Meerdurchschwärmer, halt!

„und neige willig Haupt und Knie

„vor Deutschlands Herrlichkeit!

„denn gross ist Deutschland. Seine Kraft

„ist voll, wie Meeresfluth, und wild,

„wie diese Uferwand!“