Sulvina .
Welches Dunkel bewölkt des Dichters glän-
zende Seele?
Warum meidest du, Sohn des Gesanges, den Tag
und die Menschen,
Seufzest zur Sonn' empor: „Vergib, du Holde, du
weissest,
Dass ich dich liebe. Doch eil' in deinem strahlen-
den Laufe,
Eile nur heute hinunter, und rufe dem Abend.“ —
Und kommt nun
Kühl und schaurig der Abend, so wandelt der
Träumende draussen
Im vertraulichen Schatten, in duftenden Gärten,
auf Hayden,
Graugelockt, am schwatzenden Quell, im bethauten
Gefilde
Zwischen den fluthenden Weizensaaten. Es findet
ihn einsam
Wallend die heilige Nacht. Arkturus sinken und
Gemma;
Hyas steigen und Plejas; es steigt die neblichte
Mira.
Aber er wandelt fort in seiner schweigenden
Trauer,
Kreuzet die Arm', und senket den Blick — O Sohn
des Gesanges,
Welche Dämmerung hüllt des Dichters selige
Seele?
Selig nanntest du mich? Seit wann, o Tochter
Sulvias,
Blühet Seligkeit diesseit der Sterne? Die Thräne
des Grames —
Hat sie nicht oft mir den Blitz der Augen gelöschet,
nicht öfter
Die erblassende Wange gebadet? Sonne der
Freude,
Lange schon kenn' ich dich nicht. Es hatten die
Wolken der Trauer
Dicht und düster dich eingehüllt. Und blickst du
mir einmal,
Siehe! so ist es ein Blick in langen regnichten
Tagen.
Höre meinen Gesang, des Gesangs tieffühlende
Freundin.
Deine Seel' ist sanft und traurig, wie Mondenge-
dämmer.
Lange gewohnt ist dein Ohr der Klage, der Thrä-
nen dein Auge.
Dass der verschlossene Gram in deine Brust sich
ergiesse,
Dass das gebrochene Herz sich an das deinige
lehne,
Wandelst du, unter Geringern ein höheres Wesen.
Vernimm denn
Edle, meinen Gesang. Ihn wecken Klagen der
Vorzeit.
Garmins Felder sind schön in der Insel der
Stürme. Vor andern
Hab' ich sie reizend und schön erfunden. Die Nebel
des Morgens
Lagen dämmernd auf ihr. Es enttauchten dem Meere
des Nebels
Mählig der Berge grünende Häupter, der stattlichen
Eichen
Nickende Wipfel. Sie brannten im Feuer des Auf-
gangs. Im Frühthau
Glänzten die Saaten der bärtigen Gerste, des kräf-
tigen Weizens.
Auf den kristallnen Bächen, wie tanzte die Rose
des Morgens!
Auf den silbernen Teichen, wie ruderten prächtig
die Schwäne!
Aus den duftenden Gärten, wie hauchten die Nelk'
und das Geissblatt!
Wie ich dich sah, weitblühendes Garmin, vergess'
ich dich nimmer!
Garmins Gefilde beherrschte vor Zeiten ein grauer
Gebieter,
Walldron, berühmt in Thaten der Jagd. Den
grimmigen Keuler
Wusst' er zu finden im hallenden Forst, die Fährte
des Sprossers
Zu erkunden im Dickicht des Waldes. Sein mäch-
tiger Jagdruf,
Wenn er auf
Forst und die Fluren.
Walldrons Tochter war schön, so sagt die al-
ternde Kunde,
Lieblich und schön war
Locken;
Ihre Reize so voll und frisch, wie Rosen im
Frühthau;
Ihre Blüthe so wonnehauchend, wie Frühling nach
Regen;
Blau, wie Bläue des Himmels, ihr Auge; wie
reifender Weizen
Ihr gelbringelndes Haar; wie auf dem Busen des
Halbmonds
Duftgewölk, der Schleier auf ihrem athmenden
Busen.
Zärtlich war ihr Herz, und sanft des zärtlichen
Mägdleins
Knospende Seele. Sie war die Freude des grauen
Gebieters,
Wenn er, von seinen Doggen umsprungen, zur
Halle zurückkam.
Ihre Gebärerin, niedergeworfen vom Arme der
Krankheit,
Schmachtet' im ängstlichen Lager. Kein Strahl er-
freuenden Tages
Glitt in ihr dumpfes Gemach. Kein Schimmer bes-
serer Zukunft
Hellte die Seele der Jammerumfangnen. Nur Edall-
winens
Nimmer launende Milde vermochte die Sieche zu
letzen.
Dreyzehn Frühlinge spross im Garten des Vaters
die Blume,
Und nun öffneten ihr der Thau und die Sonne des
Himmels
Leise die reifende Brust. Ihr Duft durchwehte den
Garten,
Dass des Athmenden Herz zerschmolz in ahnende
Sehnsucht.
Rings aus nahen, aus fernen Gebieten der Insel
der Stürme,
Drängten sich um sie her die Edeln. Unter den
Hufen
Ihrer Rosse donnerten Garmins Pflaster. Die Hal-
len
Toseten von dem Gepränge der Freyer des lieb-
lichen Fräuleins.
Aber dem Fräulein von Garmin war besser im
Dunkel der Laube,
Besser am flisternden Bach', als in des Pallastes
Getümmel.
Süsser war ihr das Kosen des Quells, als das
Schwatzen der Freyer,
Süsser der Nachtigall Flöten, als aller Tumult der
Konzerte,
Schöner die sternige Nacht, als der kerzenstrahlende
Tanzsaal.
Einstens sass sie in ihrer vertraulichsten Laube.
Das Geissblatt
Duftete rings um sie her. Der Abend mit bräun-
lichem Arme
Hielt die Schöpfung umfangen, wie seine Braut
der Verlobte.
Sinnend sass sie und still, in ihrer geheimen Ge-
danken
Reine Ruhe gehüllt. Da stahlen sich klagende
Töne
Mit dem Hauche der Nacht zu ihr hin. Aus moo-
siger Hütte
Jenseit des Gartenwalles wehten sie her. Ihr Ge-
lispel
Schwebt' auf dem Fittig der Harfenklänge zur Laube
des Fräuleins.
„warum bist du so schön in deinen thauenden
Locken,
Röthlicher Abend? Dein Freund jammert
im einsamen Thal.
Hier im Thal, am schwatzenden Bache, sitz'
ich und sinne,
Sinn' und singe von dir, Fräulein mit son-
nigem Haar.
Ach, wo mag sie wohl itzt den reinen Athem
verhauchen?
Wo ihr Auge glühn, wo ihr erschwellen
die Brust?
Schöner ist ihre Brust als die Brust der sich
öffnenden Rose,
Hell ihr Lilienarm, würzig, wie Nelken,
ihr Mund.
Edallwina, wo bist du in deinen erröthenden
Wangen?
Edallwina, für wen röthen die rosigen
sich?
Edallwina, um dich will ich mein Leben ver-
trauern.
Kein verrathendes Ohr höre mein nächtli-
ches Lied.“
Also sprach es im Lispeln der Harfe. Dem
Fräulein von Garmin
Schlichen die Töne ins Herz. Sie brannte, sich
selbst es verbergend,
Zu erschauen das Antlitz des Harfenschlägers. Sie
lehnte
Leise sich durch das Laubengegitter. Ihr flogen im
Mondschein
Hainings goldene Locken entgegen. Der zitternde
Mondstrahl
Glitt hellsilbern zurück von den bebenden Saiten.
Das Fräulein
Stand und harrte. Dem hochaufklopfenden Busen
entschlüpften
Ahnende Seufzer. In Sehnsucht zerschmolz ihr thrä-
nendes Auge.
Haining erhob den strömenden Blick, und drü-
ben im Garten
Sah er dämmern die Formen der zierlichen Bildung.
Das Flattern
Ihres Schleyers wähnt' er zu sehn, und den Kranz
in den Haaren.
Ach, da ward es ihm wohl und bang' im kämpfen-
den Herzen.
In der süssen Verwirrung ergriff er die Harf', erhob
sich —
O des Blöden! — und schritt hinunter in tieferes
Dunkel.
Aber seit diesem Abend, wie ward es dem Fräu-
lein von Garmin
So gar anders im Herzen! Ein Sehnen und Schmach-
ten nach Liebe,
Ein leisahnendes Vorgefühl ihrer Freuden und
Schmerzen,
Ihres trunkenen Blickens, und ihres schüchternen
Hinnahns,
Ihres schnellen geflügelten, lebendurchschütternden
Handdrucks,
Ihrer plötzlichen, stürmischen, raschgewagten Um-
armung,
Ihres mühsam entrissnen, gestammelten ersten Be-
kennens,
Ihres seelewechselnden, seeleberauschenden Kus
ses,
Ihres Ruhens Wang' an Wang', und Busen an
Busen,
Ihres Vergehens im Wonnemoment des süssen Ge-
nusses,
Ihres Entzückens und ihres Ermattens — o Tochter
Sulvills,
Alles des Zaubers drängte sich leises gefährliches
Ahnen
In des Mädchens Herz. Aus ihrem züchtigen
Busen
War die Ruhe gewichen, aus ihren Gedanken die
Stille.
Sinnend weilte sie unter den Blumen, der Blumen
vergessend.
Aus dem Schlummer der Nacht verstörten sie ängst-
liche Träume.
Haining, Haining, wie dass du der traulichen
Stunde nicht wahrnahmst!
Hättest dir offen gefunden das Herz des zärtlichen
Mädchens,
Hättest sie durch das Leben geleitet, ein rettender
Schutzgeist.
Haining, Haining, wie dass du, zu blöde, nicht
wagtest die Hoffnung!
Warst ja edlerer Seele, wenn gleich nicht edleren
Blutes.
Sieben Nächte durchwachte das schwärmende
Mädchen. Die achte
Träumte sie schwer. Ihr däucht' am Busen des
reizendsten Jünglings
Lustberauscht zu ruhn. In Schauerentzücken zer-
flossen,
Fühlte sie sich in seinen umflechtenden Armen —
und plötzlich,
Plötzlich — o Schrecken! entschlüpft ihr der Buhle,
verwandelt, vergrässlicht
Sich in ein zähnefletschend Gespenst, erhebet sich,
schwingt sich
Laut hohnlachend hinweg. So träumte sie. Plötz-
lich erwachend
Hört sie im Hofe das Rufen des Gäste verkünden-
den Herolds,
Schürzt ihr Gewand, springt auf vom Lager, und
eilet ans Fenster.
Siehe, da sprangen die Flügel der Thor' ausein-
ander. Ein Reiter
Sprengete stattlich herein auf schnaubendem Rosse.
Sein Panzer
Glänzt' in der Sonne; es glänzten des Schildes
Buckeln. Der Helmbusch
Brauste gewaltig von oben herunter. Und als er die
Spangen
Lösete, flammten, wie Sonnen, die Augen, flammten
die Wangen
Aus dem Visir hervor. Es war des Thales der
Rehe
Stolzer Gebieter, an Kraft und Wuchs, und Läng'
und Geberde
Herrlich vor allen Gebietern des Landes. Die
Flamme der Jugend
Lodert' ihm mächtig durch Nerven und Mark; die
strotzenden Adern
Schwellte sie, bräunte die Wang', und entblitzte
dem Auge. Sein Haupthaar
Schwarzgelockt, floss prächtig herab um die her-
rische Stirne.
Also königlich trat er einher; und wo er einher-
trat,
Flogen der Mädchen Herzen ihm zu. Die Busen
von
Brannten für ihn. Es zuckten die weissen Arme
Slimorens
Heissverlangend nach ihm. Allein dem Tückischen
wohnte
Falschheit im Herzen. Schon manche der köstlich-
sten Blumen des Landes
Hatt' er gepflückt, geknickt, und niedergetreten
im Staube
Liegen lassen und welken. Ach, hüte dich, Blume
von Garmin!
Hüte dich, dass dem Frevler dein schlanker Halm
nicht falle!