Sulvina .

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Welches Dunkel bewölkt des Dichters glän-

zende Seele?

Warum meidest du, Sohn des Gesanges, den Tag

und die Menschen,

Seufzest zur Sonn' empor: „Vergib, du Holde, du

weissest,

Dass ich dich liebe. Doch eil' in deinem strahlen-

den Laufe,

Eile nur heute hinunter, und rufe dem Abend.“ —

Und kommt nun

Kühl und schaurig der Abend, so wandelt der

Träumende draussen

Im vertraulichen Schatten, in duftenden Gärten,

auf Hayden,

Graugelockt, am schwatzenden Quell, im bethauten

Gefilde

Zwischen den fluthenden Weizensaaten. Es findet

ihn einsam

Wallend die heilige Nacht. Arkturus sinken und

Gemma;

Hyas steigen und Plejas; es steigt die neblichte

Mira.

Aber er wandelt fort in seiner schweigenden

Trauer,

Kreuzet die Arm', und senket den Blick — O Sohn

des Gesanges,

Welche Dämmerung hüllt des Dichters selige

Seele?

Selig nanntest du mich? Seit wann, o Tochter

Sulvias,

Blühet Seligkeit diesseit der Sterne? Die Thräne

des Grames —

Hat sie nicht oft mir den Blitz der Augen gelöschet,

nicht öfter

Die erblassende Wange gebadet? Sonne der

Freude,

Lange schon kenn' ich dich nicht. Es hatten die

Wolken der Trauer

Dicht und düster dich eingehüllt. Und blickst du

mir einmal,

Siehe! so ist es ein Blick in langen regnichten

Tagen.

Höre meinen Gesang, des Gesangs tieffühlende

Freundin.

Deine Seel' ist sanft und traurig, wie Mondenge-

dämmer.

Lange gewohnt ist dein Ohr der Klage, der Thrä-

nen dein Auge.

Dass der verschlossene Gram in deine Brust sich

ergiesse,

Dass das gebrochene Herz sich an das deinige

lehne,

Wandelst du, unter Geringern ein höheres Wesen.

Vernimm denn

Edle, meinen Gesang. Ihn wecken Klagen der

Vorzeit.

Garmins Felder sind schön in der Insel der

Stürme. Vor andern

Hab' ich sie reizend und schön erfunden. Die Nebel

des Morgens

Lagen dämmernd auf ihr. Es enttauchten dem Meere

des Nebels

Mählig der Berge grünende Häupter, der stattlichen

Eichen

Nickende Wipfel. Sie brannten im Feuer des Auf-

gangs. Im Frühthau

Glänzten die Saaten der bärtigen Gerste, des kräf-

tigen Weizens.

Auf den kristallnen Bächen, wie tanzte die Rose

des Morgens!

Auf den silbernen Teichen, wie ruderten prächtig

die Schwäne!

Aus den duftenden Gärten, wie hauchten die Nelk'

und das Geissblatt!

Wie ich dich sah, weitblühendes Garmin, vergess'

ich dich nimmer!

Garmins Gefilde beherrschte vor Zeiten ein grauer

Gebieter,

Walldron, berühmt in Thaten der Jagd. Den

grimmigen Keuler

Wusst' er zu finden im hallenden Forst, die Fährte

des Sprossers

Zu erkunden im Dickicht des Waldes. Sein mäch-

tiger Jagdruf,

Wenn er auf

Forst und die Fluren.

Walldrons Tochter war schön, so sagt die al-

ternde Kunde,

Lieblich und schön war

Locken;

Ihre Reize so voll und frisch, wie Rosen im

Frühthau;

Ihre Blüthe so wonnehauchend, wie Frühling nach

Regen;

Blau, wie Bläue des Himmels, ihr Auge; wie

reifender Weizen

Ihr gelbringelndes Haar; wie auf dem Busen des

Halbmonds

Duftgewölk, der Schleier auf ihrem athmenden

Busen.

Zärtlich war ihr Herz, und sanft des zärtlichen

Mägdleins

Knospende Seele. Sie war die Freude des grauen

Gebieters,

Wenn er, von seinen Doggen umsprungen, zur

Halle zurückkam.

Ihre Gebärerin, niedergeworfen vom Arme der

Krankheit,

Schmachtet' im ängstlichen Lager. Kein Strahl er-

freuenden Tages

Glitt in ihr dumpfes Gemach. Kein Schimmer bes-

serer Zukunft

Hellte die Seele der Jammerumfangnen. Nur Edall-

winens

Nimmer launende Milde vermochte die Sieche zu

letzen.

Dreyzehn Frühlinge spross im Garten des Vaters

die Blume,

Und nun öffneten ihr der Thau und die Sonne des

Himmels

Leise die reifende Brust. Ihr Duft durchwehte den

Garten,

Dass des Athmenden Herz zerschmolz in ahnende

Sehnsucht.

Rings aus nahen, aus fernen Gebieten der Insel

der Stürme,

Drängten sich um sie her die Edeln. Unter den

Hufen

Ihrer Rosse donnerten Garmins Pflaster. Die Hal-

len

Toseten von dem Gepränge der Freyer des lieb-

lichen Fräuleins.

Aber dem Fräulein von Garmin war besser im

Dunkel der Laube,

Besser am flisternden Bach', als in des Pallastes

Getümmel.

Süsser war ihr das Kosen des Quells, als das

Schwatzen der Freyer,

Süsser der Nachtigall Flöten, als aller Tumult der

Konzerte,

Schöner die sternige Nacht, als der kerzenstrahlende

Tanzsaal.

Einstens sass sie in ihrer vertraulichsten Laube.

Das Geissblatt

Duftete rings um sie her. Der Abend mit bräun-

lichem Arme

Hielt die Schöpfung umfangen, wie seine Braut

der Verlobte.

Sinnend sass sie und still, in ihrer geheimen Ge-

danken

Reine Ruhe gehüllt. Da stahlen sich klagende

Töne

Mit dem Hauche der Nacht zu ihr hin. Aus moo-

siger Hütte

Jenseit des Gartenwalles wehten sie her. Ihr Ge-

lispel

Schwebt' auf dem Fittig der Harfenklänge zur Laube

des Fräuleins.

„warum bist du so schön in deinen thauenden

Locken,

Röthlicher Abend? Dein Freund jammert

im einsamen Thal.

Hier im Thal, am schwatzenden Bache, sitz'

ich und sinne,

Sinn' und singe von dir, Fräulein mit son-

nigem Haar.

Ach, wo mag sie wohl itzt den reinen Athem

verhauchen?

Wo ihr Auge glühn, wo ihr erschwellen

die Brust?

Schöner ist ihre Brust als die Brust der sich

öffnenden Rose,

Hell ihr Lilienarm, würzig, wie Nelken,

ihr Mund.

Edallwina, wo bist du in deinen erröthenden

Wangen?

Edallwina, für wen röthen die rosigen

sich?

Edallwina, um dich will ich mein Leben ver-

trauern.

Kein verrathendes Ohr höre mein nächtli-

ches Lied.“

Also sprach es im Lispeln der Harfe. Dem

Fräulein von Garmin

Schlichen die Töne ins Herz. Sie brannte, sich

selbst es verbergend,

Zu erschauen das Antlitz des Harfenschlägers. Sie

lehnte

Leise sich durch das Laubengegitter. Ihr flogen im

Mondschein

Hainings goldene Locken entgegen. Der zitternde

Mondstrahl

Glitt hellsilbern zurück von den bebenden Saiten.

Das Fräulein

Stand und harrte. Dem hochaufklopfenden Busen

entschlüpften

Ahnende Seufzer. In Sehnsucht zerschmolz ihr thrä-

nendes Auge.

Haining erhob den strömenden Blick, und drü-

ben im Garten

Sah er dämmern die Formen der zierlichen Bildung.

Das Flattern

Ihres Schleyers wähnt' er zu sehn, und den Kranz

in den Haaren.

Ach, da ward es ihm wohl und bang' im kämpfen-

den Herzen.

In der süssen Verwirrung ergriff er die Harf', erhob

sich —

O des Blöden! — und schritt hinunter in tieferes

Dunkel.

Aber seit diesem Abend, wie ward es dem Fräu-

lein von Garmin

So gar anders im Herzen! Ein Sehnen und Schmach-

ten nach Liebe,

Ein leisahnendes Vorgefühl ihrer Freuden und

Schmerzen,

Ihres trunkenen Blickens, und ihres schüchternen

Hinnahns,

Ihres schnellen geflügelten, lebendurchschütternden

Handdrucks,

Ihrer plötzlichen, stürmischen, raschgewagten Um-

armung,

Ihres mühsam entrissnen, gestammelten ersten Be-

kennens,

Ihres seelewechselnden, seeleberauschenden Kus

ses,

Ihres Ruhens Wang' an Wang', und Busen an

Busen,

Ihres Vergehens im Wonnemoment des süssen Ge-

nusses,

Ihres Entzückens und ihres Ermattens — o Tochter

Sulvills,

Alles des Zaubers drängte sich leises gefährliches

Ahnen

In des Mädchens Herz. Aus ihrem züchtigen

Busen

War die Ruhe gewichen, aus ihren Gedanken die

Stille.

Sinnend weilte sie unter den Blumen, der Blumen

vergessend.

Aus dem Schlummer der Nacht verstörten sie ängst-

liche Träume.

Haining, Haining, wie dass du der traulichen

Stunde nicht wahrnahmst!

Hättest dir offen gefunden das Herz des zärtlichen

Mädchens,

Hättest sie durch das Leben geleitet, ein rettender

Schutzgeist.

Haining, Haining, wie dass du, zu blöde, nicht

wagtest die Hoffnung!

Warst ja edlerer Seele, wenn gleich nicht edleren

Blutes.

Sieben Nächte durchwachte das schwärmende

Mädchen. Die achte

Träumte sie schwer. Ihr däucht' am Busen des

reizendsten Jünglings

Lustberauscht zu ruhn. In Schauerentzücken zer-

flossen,

Fühlte sie sich in seinen umflechtenden Armen —

und plötzlich,

Plötzlich — o Schrecken! entschlüpft ihr der Buhle,

verwandelt, vergrässlicht

Sich in ein zähnefletschend Gespenst, erhebet sich,

schwingt sich

Laut hohnlachend hinweg. So träumte sie. Plötz-

lich erwachend

Hört sie im Hofe das Rufen des Gäste verkünden-

den Herolds,

Schürzt ihr Gewand, springt auf vom Lager, und

eilet ans Fenster.

Siehe, da sprangen die Flügel der Thor' ausein-

ander. Ein Reiter

Sprengete stattlich herein auf schnaubendem Rosse.

Sein Panzer

Glänzt' in der Sonne; es glänzten des Schildes

Buckeln. Der Helmbusch

Brauste gewaltig von oben herunter. Und als er die

Spangen

Lösete, flammten, wie Sonnen, die Augen, flammten

die Wangen

Aus dem Visir hervor. Es war des Thales der

Rehe

Stolzer Gebieter, an Kraft und Wuchs, und Läng'

und Geberde

Herrlich vor allen Gebietern des Landes. Die

Flamme der Jugend

Lodert' ihm mächtig durch Nerven und Mark; die

strotzenden Adern

Schwellte sie, bräunte die Wang', und entblitzte

dem Auge. Sein Haupthaar

Schwarzgelockt, floss prächtig herab um die her-

rische Stirne.

Also königlich trat er einher; und wo er einher-

trat,

Flogen der Mädchen Herzen ihm zu. Die Busen

von

Brannten für ihn. Es zuckten die weissen Arme

Slimorens

Heissverlangend nach ihm. Allein dem Tückischen

wohnte

Falschheit im Herzen. Schon manche der köstlich-

sten Blumen des Landes

Hatt' er gepflückt, geknickt, und niedergetreten

im Staube

Liegen lassen und welken. Ach, hüte dich, Blume

von Garmin!

Hüte dich, dass dem Frevler dein schlanker Halm

nicht falle!