Tafelgüter

By Gottfried Keller

Written 1878-01-01 - 1878-01-01

Herr Stoßenwolf von Gevaudan,

Der Bischof, sitzt bei Tische;

Er bietet seinen Gästen an

Die allerschönsten Fische.

Das Haupt des Ebers stellt sich dar,

Untadelig geraten;

Dann aber folgen, Paar auf Paar,

Absonderliche Braten.

Zwei Hasen kommen ohne Kopf

Auf Silber angefahren,

Marmotten sind im güldnen Topf,

Doch schwanzlos zu gewahren.

Dem Birkhuhn fehlt ein Flügel hier,

Ein Schenkel dort dem Hahne:

Mit arg zerzauster Federzier

Schaun traurig die Fasane.

Dem jungen Reh ist das Genick

Verdreht und ganz zerschmissen

Und, wie mit Klaun, ein gutes Stück

Vom Ziemer weggerissen.

Doch alles ist mit feiner Kunst

Bereitet nach der Sitte;

Der König Heinrich schlürft den Dunst,

Vom Frankenreich der Dritte.

Er schlürft und ißt sich schweigend satt;

Doch als er nun gegessen,

Ruft er: „Ich glaub, der Teufel hat

Vor uns zu Tisch gesessen!“

Der Bischof lacht: „Vergebung, Sire!

So schlimm ist's nicht beschaffen!

Nur meine Jäger naschen mir

Von allem, was sie raffen!

Die Adler sind's im Bergrevier;

An jenen Felsenkronen

Hängt Horst an Horst, wo dienstbar mir

Die wilden Vögel wohnen.

Bei jedem Nest klebt an der Wand

In Ritzen still ein Bauer,

Mit einem Knüppel in der Hand,

Und hält sich auf der Lauer.

Ist dann das Wildbret eingetan

Vom alten Adlerpaare,

So macht sich jener flugs daran,

Sobald nur fort die Aare.

Er kapert von dem blut'gen Stein

Das Beste mir zuhanden;

Zuweilen fällt ein Bäuerlein

Sich freilich auch zuschanden.

Damit die Brut nicht flügge wird,

Schließt man sie fest am Felsen,

Bis sich ein neu Geschlecht gebiert

Mit nackten Hungerhälsen

Und rastlos fliegen ab und zu

Die Alten um die Nahrung.

So üben wir in aller Ruh

Des Nutzens kluge Wahrung.“

Da schreit der König Sausewind

Und schlägt sich an die Hüften:

„Hie zeigt es sich, was Pfaffen sind!

Wir schinden nur das Menschenkind,

Doch sie den Aar in Lüften!“