Tag und Nacht/ Kinder einer Mutter/Geschwister widerwärtiger Sinnen

By Hans Aßmann von Abschatz

Written 1672-01-01 - 1672-01-01

Die Flügel-schnelle Zeit die Fürstin aller Sachen

Von welcher was nicht ist noch immer war entsteht

Die alle Dinge groß und klein gewohnt zu machen

Mit welcher was da ist und nicht stets war vergeht

Zu deren Diensten sich die Erde muß verpachen

Der unterworffen ist was niedrig was erhöht

Sucht das geraume Ziel der ungemeßnen Grantzen

Durch ein getreues Paar der Erben fortzupflantzen.

Es führen diese Zwey noch bey der Mutter Leben

Den hohen Königs-Stab in freygewohnter Hand

Stadthalter müssen sie in allen Ländern geben

Wo dieser Königin Regierung ist bekandt

Doch will sich mancher Streit bey solchem Paar erheben

Wer billich haben soll den allerersten Stand

Wem wohl der gröste Staat zu halten will gebühren

Wer künfftig mit der Zeit soll Kron und Scepter führen?

Dem einen pflichten bey die meisten Reich-Gesetze

Der ander gründet sich auff mancher Völcker Recht

Der eine macht sich groß durch eingetragne Schätze

Damit er auff den Fall kan werben manchen Knecht

Durch Freyheit daß man sich in sanffter Ruh ergötze

Wird von dem andern Theil des ersten Heer geschwächt

Der eine suchet Gunst durch Mühsamkeit bey allen

Der ander will der Welt durchs Widerspiel gefallen.

Dem einen ist das Haubt von denen Hofe-Räthen

Die seine Mutter hält zu Diensten beygethan;

Die andern sechse sind zum Gegentheil getreten

Weil sich ihr Kopff zu ihm am besten schicken kan

Der eine lebet mehr zu Land als in den Städten

Der ander sezt die Stadt dem Dorffe weit voran

Der eine führt nicht viel doch guttes Volck zur Seiten

Den andern aber pflegt die Menge zu begleiten.

Der eine lässet sich viel kluge Künste lehren

Um Wissenschafften bleibt der ander unbemüht

Der eine läst von sich viel Wort und Reden hören

Wenn stille Träumerey des andern Kopff durchzieht

Der eine pflegt allein die Sonne zu verehren

Wenn jener nach dem Mond und tausend Sternen sieht

Den einen können Schlaff und Liebe nicht bezwingen

Dem andern müssen sie die gröste Freude bringen.

Der eine weiset gern dem Lichte seine Thaten

Und machet sie so weit die Sonne geht bekandt

Der ander läst sein Thun nicht sehen nur errathen

Verdeckt so viel er kan die Wercke seiner Hand

Bey einem muß sich weiß und roth zusammen gatten

So scheint der Mohren Reich des andern Vaterland

Der eine der verstärckt durch Arbeit seine Glieder

Wenn sie der andre legt auff weiche Küssen nieder.

Durchgehe nach und nach die Rechnung aller Zeiten

Kein mindergleiches Paar der Brüder findestu

Kein Typhon kan so sehr mit dem Osiris streiten

Kein Zoroaster sagt so schlecht denn Japhet zu

Kein Lucius kan so von Aruns Sitten schreiten

Der das noch junge Rom bewohnt in stiller Ruh

Kein Avidäus ist so weit von Alexandern

Als diese Printzen zwey sind einer von dem andern.

Was eher ist zur Welt der eine zwar gebohren

Doch will der ander auch nicht minder Erbe seyn

Den hat der West und Nord zu lieben auserkohren

Und jener setzet sich in Morgen-Ländern ein

Die Hoffnung zum Vertrag ist meistentheils verlohren

Indem das Widerspiel beweist der Augenschein

Dafern es nicht annoch durch Dräuen und durch Flehen

Durch Bitten und Befehl der Mutter kan geschehen.

Derselben Spruch hat sie in solchen Bund vereydet

So lange sie noch selbst bey grauem Alter lebt

Das keiner beyderseits den mindsten Schaden leidet

Daß ieder haben kan nach was sein Hertze strebt

Das Zeit und Ziel die Macht der Herrschafft unterscheidet

Und deren Vortheil gantz in Ungewißheit schwebt.

Sie herrschen eine Zeit doch nicht in einem Lande

Doch nicht in gleicher Frist doch nicht in gleichem Stande.

Und diß so lange noch die Mutter selbst regieret

Wie wenn sie wird verjagt von grauer Ewigkeit.

Wer ist es der hernach das stoltze Scepter führet

Und auff dem Throne sizt der hingelegten Zeit?

Wer ist es den hernach der Königs-Krantz bezieret

Den ein geheiligt Oel zum Ober-Herren weyht?

Nicht wohlgebrauchtes Gutt flieht vor den dritten Erben

Ich halte Reich und Sitz wird mit der Zeit ersterben.

Die Ewigkeit nachdem sie unter sich gezwungen

Was zeitlich was der Zeit gehorsam muste seyn

Nachdem sie selbst die Zeit und ihren Sitz verschlungen

Nachdem zu Ende geht der Tag und Sonnenschein

Nachdem sie brauner Nacht die Herrschafft abgedrungen

Räumt ihnen anderweit gewisse Wohnung ein.

Es sollen Tag und Licht beym wahren Lichte wohnen

Und stete Finsternis den finstern Wercken lohnen.

O selig dannenher ihr Licht- und Tages Kinder

Die ihr bey Tage sucht das wahre Seelen-Licht

O weh euch dannenher ihr schwartz-befleckten Sünder

Ihr denen Tag am Tag' im Lichte Licht gebricht

Die ihr in Sünden irrt gleichwie die stummen Rinder

Und schnöder Finsternis zu Diensten seyd verpflicht

Wenn jene stetes Licht und stete Lust geniessen

So werdet ihr ohn End' im Schatten irren müssen.

Wir warten unterdeß auff dieses Licht mit Freuden

Biß unser Lebens-Tacht wird ausgebrennet seyn

Biß wir zu lezt erlöst von schwartz-gewölcktem Leyden

Von trauer-trüber Noth von dunckel-grauer Pein

In weisser Reinigkeit Schneefarbne Seid' uns kleiden

Und in die lichte Burg der Sternen gehen ein

Da alle Finsterniß vom Lichte wird verzehret

Das über alle Zeit ohn allen Abend wehret.

Glück zu du helles Licht von keinem andern Lichte

Es ehret dich mein Sinn mit ungefärbter Brunst;

Glück zu o Pol nach dem ich meine Segel richte

Ohn welchen alle Müh der Ruder ist umsonst

Laß sehen wie bißher dein gnädig Angesichte

Verdunckle solches nicht durch trüben Zornes Dunst;

Du Sonne reiner Glutt laß deine Stralen scheinen

So darff der Himmel nicht noch unser Hertze weinen.