Tag und Nacht/ Kinder einer Mutter/Geschwister widerwärtiger Sinnen
Written 1672-01-01 - 1672-01-01
Die Flügel-schnelle Zeit die Fürstin aller Sachen
Von welcher was nicht ist noch immer war entsteht
Die alle Dinge groß und klein gewohnt zu machen
Mit welcher was da ist und nicht stets war vergeht
Zu deren Diensten sich die Erde muß verpachen
Der unterworffen ist was niedrig was erhöht
Sucht das geraume Ziel der ungemeßnen Grantzen
Durch ein getreues Paar der Erben fortzupflantzen.
Es führen diese Zwey noch bey der Mutter Leben
Den hohen Königs-Stab in freygewohnter Hand
Stadthalter müssen sie in allen Ländern geben
Wo dieser Königin Regierung ist bekandt
Doch will sich mancher Streit bey solchem Paar erheben
Wer billich haben soll den allerersten Stand
Wem wohl der gröste Staat zu halten will gebühren
Wer künfftig mit der Zeit soll Kron und Scepter führen?
Dem einen pflichten bey die meisten Reich-Gesetze
Der ander gründet sich auff mancher Völcker Recht
Der eine macht sich groß durch eingetragne Schätze
Damit er auff den Fall kan werben manchen Knecht
Durch Freyheit daß man sich in sanffter Ruh ergötze
Wird von dem andern Theil des ersten Heer geschwächt
Der eine suchet Gunst durch Mühsamkeit bey allen
Der ander will der Welt durchs Widerspiel gefallen.
Dem einen ist das Haubt von denen Hofe-Räthen
Die seine Mutter hält zu Diensten beygethan;
Die andern sechse sind zum Gegentheil getreten
Weil sich ihr Kopff zu ihm am besten schicken kan
Der eine lebet mehr zu Land als in den Städten
Der ander sezt die Stadt dem Dorffe weit voran
Der eine führt nicht viel doch guttes Volck zur Seiten
Den andern aber pflegt die Menge zu begleiten.
Der eine lässet sich viel kluge Künste lehren
Um Wissenschafften bleibt der ander unbemüht
Der eine läst von sich viel Wort und Reden hören
Wenn stille Träumerey des andern Kopff durchzieht
Der eine pflegt allein die Sonne zu verehren
Wenn jener nach dem Mond und tausend Sternen sieht
Den einen können Schlaff und Liebe nicht bezwingen
Dem andern müssen sie die gröste Freude bringen.
Der eine weiset gern dem Lichte seine Thaten
Und machet sie so weit die Sonne geht bekandt
Der ander läst sein Thun nicht sehen nur errathen
Verdeckt so viel er kan die Wercke seiner Hand
Bey einem muß sich weiß und roth zusammen gatten
So scheint der Mohren Reich des andern Vaterland
Der eine der verstärckt durch Arbeit seine Glieder
Wenn sie der andre legt auff weiche Küssen nieder.
Durchgehe nach und nach die Rechnung aller Zeiten
Kein mindergleiches Paar der Brüder findestu
Kein Typhon kan so sehr mit dem Osiris streiten
Kein Zoroaster sagt so schlecht denn Japhet zu
Kein Lucius kan so von Aruns Sitten schreiten
Der das noch junge Rom bewohnt in stiller Ruh
Kein Avidäus ist so weit von Alexandern
Als diese Printzen zwey sind einer von dem andern.
Was eher ist zur Welt der eine zwar gebohren
Doch will der ander auch nicht minder Erbe seyn
Den hat der West und Nord zu lieben auserkohren
Und jener setzet sich in Morgen-Ländern ein
Die Hoffnung zum Vertrag ist meistentheils verlohren
Indem das Widerspiel beweist der Augenschein
Dafern es nicht annoch durch Dräuen und durch Flehen
Durch Bitten und Befehl der Mutter kan geschehen.
Derselben Spruch hat sie in solchen Bund vereydet
So lange sie noch selbst bey grauem Alter lebt
Das keiner beyderseits den mindsten Schaden leidet
Daß ieder haben kan nach was sein Hertze strebt
Das Zeit und Ziel die Macht der Herrschafft unterscheidet
Und deren Vortheil gantz in Ungewißheit schwebt.
Sie herrschen eine Zeit doch nicht in einem Lande
Doch nicht in gleicher Frist doch nicht in gleichem Stande.
Und diß so lange noch die Mutter selbst regieret
Wie wenn sie wird verjagt von grauer Ewigkeit.
Wer ist es der hernach das stoltze Scepter führet
Und auff dem Throne sizt der hingelegten Zeit?
Wer ist es den hernach der Königs-Krantz bezieret
Den ein geheiligt Oel zum Ober-Herren weyht?
Nicht wohlgebrauchtes Gutt flieht vor den dritten Erben
Ich halte Reich und Sitz wird mit der Zeit ersterben.
Die Ewigkeit nachdem sie unter sich gezwungen
Was zeitlich was der Zeit gehorsam muste seyn
Nachdem sie selbst die Zeit und ihren Sitz verschlungen
Nachdem zu Ende geht der Tag und Sonnenschein
Nachdem sie brauner Nacht die Herrschafft abgedrungen
Räumt ihnen anderweit gewisse Wohnung ein.
Es sollen Tag und Licht beym wahren Lichte wohnen
Und stete Finsternis den finstern Wercken lohnen.
O selig dannenher ihr Licht- und Tages Kinder
Die ihr bey Tage sucht das wahre Seelen-Licht
O weh euch dannenher ihr schwartz-befleckten Sünder
Ihr denen Tag am Tag' im Lichte Licht gebricht
Die ihr in Sünden irrt gleichwie die stummen Rinder
Und schnöder Finsternis zu Diensten seyd verpflicht
Wenn jene stetes Licht und stete Lust geniessen
So werdet ihr ohn End' im Schatten irren müssen.
Wir warten unterdeß auff dieses Licht mit Freuden
Biß unser Lebens-Tacht wird ausgebrennet seyn
Biß wir zu lezt erlöst von schwartz-gewölcktem Leyden
Von trauer-trüber Noth von dunckel-grauer Pein
In weisser Reinigkeit Schneefarbne Seid' uns kleiden
Und in die lichte Burg der Sternen gehen ein
Da alle Finsterniß vom Lichte wird verzehret
Das über alle Zeit ohn allen Abend wehret.
Glück zu du helles Licht von keinem andern Lichte
Es ehret dich mein Sinn mit ungefärbter Brunst;
Glück zu o Pol nach dem ich meine Segel richte
Ohn welchen alle Müh der Ruder ist umsonst
Laß sehen wie bißher dein gnädig Angesichte
Verdunckle solches nicht durch trüben Zornes Dunst;
Du Sonne reiner Glutt laß deine Stralen scheinen
So darff der Himmel nicht noch unser Hertze weinen.