Tag und Nacht

By Eduard Mörike

Written 1823-01-01 - 1823-01-01

Schlank und schön ein Mohrenknabe

Bringt in himmelblauer Schürze

Manche wundersame Gabe,

Kühlen Duft und süße Würze.

Wenn die Abendlüfte wehen,

Naht er sachte, kaum gesehen,

Hat ein Harfenspiel zur Hand.

Auch der Saiten sanftes Tönen

Kann man nächtlich lauschend hören;

Doch scheint alles seiner Schönen,

Ungetreuen, zu gehören;

Und er wandelt, bis am Haine,

Bis am See und Wiesenraine

Er die Spur der Liebsten fand.

Wohl ein Lächeln mag sich leise

Dann ins ernste Antlitz neigen,

Weiße Zähne, glänzend weiße,

Sich wie Sternenlichter zeigen.

Doch ihn faßt ein reizend Bangen,

Kommt von ferne Sie gegangen,

Und er sucht sein dunkles Haus.

Liebchen tritt von Bergeshöhen

In das Tal: da wird es Freude!

Wald und Flur wie neu erstehen

Vor dem Kind im Rosenkleide;

Alles drängt sich nach der Süßen,

Alt und jung will sie begrüßen,

Nur der Knabe bleibet aus.

Und doch ist ein tiefes Ahnen

Von dem Fremdling ihr geblieben;

Wie ein Traum will sie's gemahnen

An ein früh gehegtes Lieben.

Glänzen dann auf allen Wegen

Schmuck und Perlen ihr entgegen,

Denkt sie wohl, wer es gebracht.

Schnell den Schleier vorgezogen,

Steht das Töchterchen in Tränen,

Und der Mutter Friedensbogen

Neigt sich tauend ihrem Sehnen;

Erd und Himmel haben Frieden,

Aber ach, sie sind geschieden,

Sind getrennt wie Tag und Nacht.