Thomson's Hymne.
So rollt in nimmermüdem Reihentanz,
So ändert sich das Jahr, und mannigfach
Verklärt sein Wechsel, grosser Vater, dich.
Im holden Frühling webet überall
Dein zarter Liebesodem. Weit und breit
Ergrünen die Gefilde. Wohlgeruch
Durchweht die Luft. Der Berge falbes Moos
Wird jung. Das Waldthal lächelt. Freude strömt
Und Leben sprüht in jedes offne Herz.
Doch voller noch, und noch gewaltiger
Verklärt, o Gott, sich deine Glorie
In schwüler Pracht des Sommers. Mächtig reift
Der Sonne kochend Feuer Obst und Korn.
Oft hören wir in lautem Donner dich,
In sanftem Lispeln oft, um Mitternacht,
Wann sinkt des Abends und der Frühe Thau.
Der Herbst erscheint. Nun öffnet mildiglich
Sich deine Hand und spendet Segen aus.
All Auge harret dein. All Leben speist
Und sättigt sich an deinem reichen Tisch.
Im Winter, Ewger, wie so feyerlich,
Wie furchtbar ist dein Kommen! Sturmesnacht
Und Wolkendunkel hüllen deinen Thron.
Auf Wetter rasselt Wetter. Hagel rauscht
Vor Wirbelwinden her. Gewaltig fährst
Du auf der Winde Wagen. Bange knieet
Die Welt, und schaut dir stumm und schweigend nach.
Geheimnissvoller Reigen, welche Kraft
Hat dich geschürzet? Welche Meisterhand
Hat dich mit so viel Kunst und Lieblichkeit,
Hat mit so sanften Übergängen dich
Verschmolzen in einander? Alles stimmt
Zu Einem grossen Ganzen. Alles reisst
Den Geist mit sich in schnellem Fluge fort.
Zwar wandelt oft, des Feldes Thieren gleich,
Der Mensch gedankenlos die Wunder durch,
Vernimmt sie nicht, verkennt die Meisterhand,
Die Welten wägt, und Himmelssphären wälzt,
Der Erde nie enthüllte Schooss durchwirkt,
Im Frühling Millionen Keime schafft,
Die Keime schwellt durch heisse Sommergluth,
Mit ihren Früchten uns im Herbste speist,
Und stürmend dann das Jahr in Schlummer wiegt.
Vernimm es, du Natur! Ihr Leben all,
Vernehmts, so weit der Himmel euch umspannt!
Vereint euch, anzubeten! Flammend steig',
Und lodernd euer Loblied himmelan!
Die ihr den Hayn durchflistert, flistert ihm,
Ihr Abendlüftchen, leises Lob! Er ists,
Dess Geist in eurer frischen Kühle weht.
Erzählt von ihm dem ahndungsvollen Hayn!
Erzählt dem Fichtenwald, der übern Fels
Hochrauschend braune Schauerschatten wirft.
Ihr, deren kühnre Stimme ferne tönt,
Die ihr die Welt in Schrecken brüllt; empor,
Ihr Stürm', empor schwingt euer wildes Lied
Zu Dem, der euch die Macht zu toben gab.
Preist ihn, ihr Flüsse! Bächlein, bang und scheu,
Verschweigt sein Lob dem stillen Wandrer nicht!
Ihr Ströme, königlich und stolz und wild,
Ihr sanftern Wellen, die ihr durch das Thal
Bescheiden rieselt. — Majestätisch Meer,
Du Welt verborgner Wunder in dir selbst,
Lobsing, lobsing' ihm laut! Er ruft: „Erbrüll!“
Und du erbrüllst! „Erstumm!“ und du erstummst!
Ihr Kräuter, Pflanzen, Bäume! Duftgewölk
Entwall' euch, süsser Weihrauch vor dem Herrn!
Denn seine Sonne kräftigt euch. Sein Hauch
Entsäuselt euch. Sein Pinsel mahlet euch!
Beugt euch, ihr Wälder! Saaten, neigt euch ihm,
Und haucht Entzücken in des Schnitters Herz,
Indem er heim zur lieben Hütte wallt,
Indem ihn heimgeleitet Gottes Mond.
Die ihr am hohen Himmel wacht, dieweil
Die Erde sorglos schlummert, funkelt schön
Ihr Sterne! Überstrahlt der Sterne Glanz,
Und rührt die goldnen Harfen, Seraphim!
Quell alles Lichts, des Schöpfers schönstes Bild
Hienieden, Born der Leben überall,
O Sonne, Buchstab sey dein bleichster Strahl
Im grossen Buche der Natur! Es sey
Des Buches Thema Eines: Herr, dein Lob!
Der Donner rollt. Knie nieder, Welt, und horch!
Von Wolk zu Wolke rollt der hohe Psalm.
Ertöst in euren Schachten, Berge! Kracht
In euren Festen, Felsen! Dumpfes Thal
Hall wider seine Stimme. — Nah ist, nah
Der grosse Hirte, nah sein selig Reich!
Erwacht, ihr Wälder all! Dem Hayn, dem Forst
Entströme gränzenloses Lob! Und wann
Der laute Tag verstummt, die Wache Welt
Müd niederschlummert, süsse Nachtigall,
O, so entzücke du die stille Nacht,
Und lehr' die Dämmrung deines Meisters Lob.
Vor allen ihr, für die die Schöpfung lacht,
Ihr, aller Dinge Zunge, Herz und Haupt,
Krönt, Menschen, krönt den Psalm! Versammelt euch
In euren stolzen Münstern, Städter; schlagt
Die feyerliche Orgel; stimmet an
Den heil'gen Chorgesang, und jedes Herz
Entzünde sich, und jedes Herzens Flamm'
Ergreif die Schwesterflamme, lodre hoch
Zum Herrn empor ein allgemeiner Brand!
Und decket euch ein ländlich Schattendach,
Ergreift Anbetung euch im düstern Hayn,
So weckt auch dort des Schäfers Flöte, weckt
Der Jungfrau Lied, des Dichters Saitenspiel!
Ein Seraph flistr' euch zu, und euer Psalm
Sey Gott der Herrscher, der die Zeiten misst.
O Lob des Herrn, vergess' ich deiner je,
Mag blühn des Lenzes Blume, mag der Strahl
Des Sommers flammen, mag der milde Herbst
Begeisternd schimmern, mag im kalten Ost
Der Winter thürmen sein umstöbert Haupt,
Vergess' ich deiner je, o so erstumm',
Entzückte Zung'! Erlahme, Phantasie!
Hör' auf zu schlagen, undankbares Herz!
Und bannte mich des Schicksals strenger Schluss
An einen fernen unbewohnten Strand,
An nie besungne Ufer, wo die Sonn'
Hindostans Berge steigend röthet, wo
Ihr schräger Abendstrahl auf Inseln streift
In unbeschifften Meeren — Immerhin!
Allgegenwärtig ist, und allgefühlt,
Allsichtbar und allhörbar ist mein Gott
In dir, o wilde Wüste, wie in dir,
Volkreiche Königsstadt. Sein Odem weht,
Und schafft der Freuden Fülle überall.
Und wann dereinst die letzte Stunde schlägt,
Die meinen Geist zum wunderbaren Flug
In jene Welt beschwingt; wie will ich da
Mich freuen, will mit neubeschwingter Kraft
Die neuen Wunder singen! Kann ich seyn,
Wo nicht in ihrem Schooss mich wärmt und wahrt
Die ewge Liebe, die die Welten trägt,
Die scheinbar'm Übel ächtes Gut entlockt,
Dem Guten Bessres, und dem Besseren
Noch einmal Bessres, bis das Beste wird
Von Ewigkeit zu Ewigkeit! — Doch ach!
Mein Geist erliegt des Unaussprechlichen,
Des Unaussingbar'n nie erreichtem Lob.
Komm, ausdruckvollres Schweigen, feyr' ihn du!