[Thorheit ists/ daß unsre Zeit soll in Furcht und Angst verflüssen]
Written 1672-01-01 - 1672-01-01
Thorheit ists daß unsre Zeit soll in Furcht und Angst verflüssen
Besser ists in Freud und Lust der bestimmten Frist genüssen
Nimm die Stunden willig an
Die dir Gott und Glücke schencken
Warum soll dich heute kräncken
Was sich morgen ändern kan?
Laß das ernste Sauersehn laß die eingezogne Stirne
Laß den ausgehangnen Mund laß die Grillen im Gehirne
Laß die Mucken um das Haubt
Biß ins Alter seyn verschoben
Biß sich allgemach von oben
Kopff und Hals zum Grabe schraubt.
Laß der alten Weisen Schaar frey und ohnbewegt erscheinen
Laß den tollen Heraclit gantze Thränen-Ströme weinen.
Menschen die empfindlich seyn
Halten mehr von Schertz und Lachen;
Sich vergebens traurig machen
Gehet ja wohl bitter ein.
Wir an Beutel Weib und Ort Zeit und Zustand ungebunden
Brauchen billig weil es geht unsrer Jugend freye Stunden
Was bringts einem Kargen ein
Wenn er noch so reich an Schätzen:
Also was kan ohn Ergötzen
Unser bestes Leben seyn?
Rosen die der Sommer giebt kan man nicht im Winter pflücken
Freude so die Jugend hegt kan das Alter nicht erquicken
Wenn des siechen Leibes Hauß
Sich zum schnellen Falle neiget
Wenn der Lebens-Strom verseiget
Glutt und Hitze dämpffen aus.
Drum last uns den edlen Schatz der erlaubten Zeit gebrauchen
Eh die Kräffte noch in uns eh noch Marck und Blutt verrauchen.
Last uns dieses Tages Schein
Der sich offte noch soll finden
Dich mit Freuden anzubinden
Frey und froh und freudig seyn.
Unter Freunden eine Lust kan uns kein Gesetze wehren
Wer weiß was das Glücke noch ein- und andern kan bescheren.
Ey so geht es Sorgen-bloß
Auff die unverzehrten Gütter
Unsrer lieben Schwieger-Mütter
Bruder im Vertrauen loß.