Thorwaldsens Ganymed und der Adler

By Friedrich Hebbel

Written 1843-01-01 - 1843-01-01

Knabe, süßer, wunderbarer,

Unter'm Kuß des Zeus gereift,

Blüte, die in leuchtend-klarer

Schönheit nie der Wind gestreift:

Sorgsam tränkst du und aesthetisch,

Wenn auch halb gelangeweilt,

Hier den Aar, der gravitätisch

Schmaus't und wenig sich beeilt.

Mancher würde ungeduldig,

Und er hätte Grund genug,

Doch du denkst: ich bin's ihm schuldig,

Weil er zum Olymp mich trug;

Weil er schnell, mich fester fassend,

In die Wolken mich entrückt,

Als ich, schwindelnd und erblassend,

Unter mich hinabgeblickt;

Ja, weil er sogar die Klauen

Unter'm Fittig-Paar verhüllt,

Die mich fast mit größerm Grauen,

Als der Abgrund selbst, erfüllt.

Solltest doch in's Ohr ihm raunen:

Spute dich zu deinem Heil;

Denn schon wölkte Zeus die Braunen,

Und – da fällt der Donnerkeil!

Auf, mein Vogel, dienstbeflissen!

Wie du auch das Auge rollst!

Du, o Knabe, wirst schon wissen

Wo du dich erholen sollst!