Thränen in grosser Hungers-Noth
Written 1640-01-01 - 1640-01-01
So muß dein Fluch den Himmel schliessen?
Versiegelst du der Brunnenquell?
Indem wir Thau und Regen missen
Und schmachten als in einer Höll?
So wird die Erden die uns nehret;
In Fels und Eisen gantz verkehret!
Weh mir! die ehrnen Wolcken brennen!
Die tunckel-rothe Sonne glüht!
Indem der Grund sich wil zutrennen!
Und man die Ufer wachsen sieht.
Die Ströme die sich vor ergossen
Sind fast den Bächen gleich verschossen.
Der Wald steht Laubloß und empfindet
Wie der verhaste Sud auszehr
Die Aest und Wipffel offt entzündet.
Schau wie die Wiese sich verkehr
Das Gras mit Blum und Klee vermenget
Ist Boden gleich gantz abgesenget.
Das scheue Wild macht sich von hinnen
Der Vögel junge Zucht verschmacht:
Man sieht kein Tröpflein abwerts rinnen
Wie hart der Wetter-Sturm erkracht!
Das Vieh wirfft die verdorrten Glieder
Todt bey der leeren Krippen nieder!
Was rühr ich Ach! der Menschen Zagen
Das nunmehr unaussprechlich ist.
Ach wer kan diese Ruth ertragen!
Ach Herrscher der du alles siehst!
Ergetzet dich ja unser Sterben
So laß uns doch nicht so verderben.
Schau wie die lebenden Gerippe
Mit tieffen Augen dir nachsehn
Wie sie mit gantz verschrumpter Lippe
Fast Athem-loß dich Herr anflehn!
Und wenn sie nun den Geist hingeben
Zu dir die dürren Arm' erheben.
Des Kindes Hertze wird gebrochen
An der verstarrten Mutter-Brust
Der Mutter die (nur Haut und Knochen)
Selbst auf dem Kind erblassen must!
Der sucht vor den erhitzten Magen
Was schwer und schrecklich ist zu sagen.
Ach Herr! ach! ach! daß dich erweiche
Die gri ist und allgemeine Noth
Das gantze Land ist eine Leiche
Ist deine Vater Treu denn Todt?
Nein! nein! du wirst uns Herr nicht lassen;
Du kanst nicht dein Geschöpffe hassen.
Eröffne die liebreichen Hände
Und speise was sich dir verpflicht.
Erfreu die dürren Feld-Gewende
Durch Korn und Segen-reiche Frücht.
Theil unter dürfftige Gemüther
Die Füll und Schätze deiner Güter.
Laß unser Seuffzen dich versöhnen
Eil aus mitleidend-vollem Sinn
Das Jahr mit Fruchtbarkeit zu krönen
Daß unsre Nahrung nicht zerrinn
Du hast das Leben ja gegeben:
Gib denn was nöthig ist zu leben.