Thränen in grosser Hungers-Noth

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

So muß dein Fluch den Himmel schliessen?

Versiegelst du der Brunnenquell?

Indem wir Thau und Regen missen

Und schmachten als in einer Höll?

So wird die Erden die uns nehret;

In Fels und Eisen gantz verkehret!

Weh mir! die ehrnen Wolcken brennen!

Die tunckel-rothe Sonne glüht!

Indem der Grund sich wil zutrennen!

Und man die Ufer wachsen sieht.

Die Ströme die sich vor ergossen

Sind fast den Bächen gleich verschossen.

Der Wald steht Laubloß und empfindet

Wie der verhaste Sud auszehr

Die Aest und Wipffel offt entzündet.

Schau wie die Wiese sich verkehr

Das Gras mit Blum und Klee vermenget

Ist Boden gleich gantz abgesenget.

Das scheue Wild macht sich von hinnen

Der Vögel junge Zucht verschmacht:

Man sieht kein Tröpflein abwerts rinnen

Wie hart der Wetter-Sturm erkracht!

Das Vieh wirfft die verdorrten Glieder

Todt bey der leeren Krippen nieder!

Was rühr ich Ach! der Menschen Zagen

Das nunmehr unaussprechlich ist.

Ach wer kan diese Ruth ertragen!

Ach Herrscher der du alles siehst!

Ergetzet dich ja unser Sterben

So laß uns doch nicht so verderben.

Schau wie die lebenden Gerippe

Mit tieffen Augen dir nachsehn

Wie sie mit gantz verschrumpter Lippe

Fast Athem-loß dich Herr anflehn!

Und wenn sie nun den Geist hingeben

Zu dir die dürren Arm' erheben.

Des Kindes Hertze wird gebrochen

An der verstarrten Mutter-Brust

Der Mutter die (nur Haut und Knochen)

Selbst auf dem Kind erblassen must!

Der sucht vor den erhitzten Magen

Was schwer und schrecklich ist zu sagen.

Ach Herr! ach! ach! daß dich erweiche

Die gri ist und allgemeine Noth

Das gantze Land ist eine Leiche

Ist deine Vater Treu denn Todt?

Nein! nein! du wirst uns Herr nicht lassen;

Du kanst nicht dein Geschöpffe hassen.

Eröffne die liebreichen Hände

Und speise was sich dir verpflicht.

Erfreu die dürren Feld-Gewende

Durch Korn und Segen-reiche Frücht.

Theil unter dürfftige Gemüther

Die Füll und Schätze deiner Güter.

Laß unser Seuffzen dich versöhnen

Eil aus mitleidend-vollem Sinn

Das Jahr mit Fruchtbarkeit zu krönen

Daß unsre Nahrung nicht zerrinn

Du hast das Leben ja gegeben:

Gib denn was nöthig ist zu leben.