[Tief in Nacht und Dunkel]

By Georg Friedrich Daumer

Written 1823-01-01 - 1823-01-01

Tief in Nacht und Dunkel

Lag ein Hort verborgen; –

Ferne meinem Ahnen,

Meinem Auge weit,

Lebte tief im Walde,

Dienet' in der Wildniß

Eine zarte Maid.

Ausgejagt von Unmuth –

Denn Verlust erlitt ich

Bitterlich und schwer –

Durch die Lande ritt ich.

Mied bekannte Wege,

Suchte wilde Stege,

Schweifte weit umher.

Das behende, gute

Rößchen und die eigne,

Junge Kraft ermüdend,

Linderung dem Herzen

Zu erreiten, hofft' ich,

Aber meine Schmerzen

Brannten nur noch mehr.

Allgemach anitzo

Seine graue Schwinge

Breitete der Abend

Über das Revier;

Meine Blicke suchten

Lang nach einem Schirme

Vor der Nacht Bedrohniß,

Endlich in das Auge

Fiel mir ein Quartier.

An die Krippe hier

Stellet' ich den Renner,

Trat in eine Stube,

Eine dämmerhelle,

Barg in einen Winkel

Hinter einen Tisch mich,

Und begann zu feufzen,

Und begann zu weinen;

Heiß vom Auge träufte

Zähr' auf Zähre mir.

Hin zu mir, dem Düstern,

Der sie nicht bemerkte,

Spähte von der Seite,

Blickte scharf und sinnend

Jenes schöne Kind;

Brachte mir ein Glas nun

Ein von Schaume weißes,

Und ich sah in's Aug' ihr,

Und es traf ihr Blick mich

Wie ein Strahl des Himmels

Tröstlich und gelind.

Alsofort ein Dringen

Im Gemüthe spürt' ich,

Daß ich ihr die Spende,

Die sie reichte, zutrank

Und mit ihr vertraulich

Holder Rede pflag.

Und erklingen hört' ich

Ihre süße Stimme,

Und entschweben fühlt' ich

Meiner Seele Trübsal,

Aufgefunden war mir,

Was das Herz bedurfte,

Aufgegangen war mir

Tief in Nacht und Dunkel

Der ersehnte Tag.