Toscolano

By Paul Heyse

Written 1872-01-01 - 1872-01-01

Ja, das sind die alten Gassen,

Mauerschluchten, schauerkühl,

Wie ich damals dich verlassen,

Mein gesegnet Herbstasyl!

Über jener dunklen Türe,

Die sich gastlich mir erschloß,

Hängt verwittert noch das früh're

Herbergsschild, das „weiße Roß“.

Kahl und düster war mein Zimmer,

Doch das Bette breit und rein;

Eßbar wohl die Kost nicht immer,

Aber trinkbar stets der Wein.

Und wie herrlich all die Pfade

Bei dem Kirchlein steil hinab,

Wo am blauen Seegestade

Mir der Ölwald Schatten gab!

Steil hinauf zu den Zypressen

Um Gainos Klösterlein,

Wo ich saß und weltvergessen

Träumte weit ins Land hinein.

Wenn die Sonne dann versank, o

Wie beglückt ich heimwärts ging,

Wo mich im cavallo bianco

Mein frugales Mahl empfing!

Bracht' ich doch im Skizzenbuche

Manches Landschäftchen mit heim,

Sehr bescheidne Pfuschversuche

Und dazwischen manchen Reim.

Dann mit meinem Wirt vertraulich

Schwatzt' ich noch im Gärtchen lang,

Wenn die Nachtluft weich und laulich

Überm See die Flügel schwang.

Liebste, und es nimmt dich wunder,

Daß ich gern hier blieb zu Gast,

Da mir all der eitle Plunder

Der Kulturwelt tief verhaßt?

Ihre Fratze stört mich minder

Hier am Busen der Natur,

Unter Menschen, die wie Kinder

Harmlos gehn auf ihrer Spur.

Etwas Einsamkeit und Stille,

Etwas Schönheit ringsumher,

Traum und Zauber der Idylle –

Was bedarf ein Dichter mehr?

Da ich all dies hier besessen,

Dünkt mich wie ein Zauberschloß

Trotz dem mangelhaften Essen

Toscolanos „Weißes Roß“.