Totenopfer für Karl Gangloff ...

By Justinus Kerner

Written 1824-01-01 - 1824-01-01

Der Menschheit Seufzer schweigen,

Von Flöten und süßen Geigen

Ertönt ein muntrer Chor,

In freien Laubgewinden

Sich wieder Sänger finden,

Die singen wie zuvor.

Duftreiche Lilien blühen,

Melodisch Flüsse ziehen

Zum freigewordnen Rhein.

Mit himmelblauen Wogen

Kommt jauchzend er gezogen,

Von Blut und Tränen rein.

Die Männer, die aus Schlachten

Uns Ros' und Lilie brachten,

Durch Wunden rot und bleich,

Die laß uns würdig preisen,

Ich mit Gesangesweisen,

Du, Freund, mit Bildern reich!

O Traum! – du junges Leben!

Von Bildern hell umgeben,

Die deine Kunst erfand,

Liegst du im stillen Zimmer

Erbleicht im Sarge, – nimmer

Rührt sich die teure Hand!

Wie könnt' so ich mich trügen!

Bilder und Griffel liegen

Verlassen ja herum!

Wie seid ihr bleich, ihr Wangen!

Ihr Lichter, wie vergangen!

Du Mund, wie kalt und stumm!

Im Tod ist dir erklungen

Das Lied der Nibelungen,

Schwertschlag der Hermannsschlacht;

Drauf hat dir wonnetrunken

Der sel'ge Freund gewunken,

Und sieh! – es war vollbracht.

Die du hier oft in Bildern

Versuchtest treu zu schildern,

Hellen'scher Männer Chor,

Helden aus Hermannsstreiten,

Jungfraun aus deutschen Zeiten,

Die tragen dich empor.

In linden Armen halten

Dich göttliche Gestalten,

Die ahnend du geschaut;

Wohl sind es deine Führer,

Mengs, Raffael und Dürer,

Dir ewig nun vertraut.

Doch ich muß einsam wallen!

Ihr andern laßt erschallen

Jubel und Siegsgesang! –

O Geist in sel'ger Wonne!

Send' mir aus deiner Sonne

Nur einen einz'gen Klang!