Trauer-Gedancken über dem Absterben Fr. H. W. g. S. den 11. Jan. 1664.
Wer so ein grosses Leid und so ergrimmte Schmertzen
Mit süssen Worten nur zu überzuckern denckt
Der weiß noch nicht wie tieff sie schneiden in die Hertzen
Und ist ein Cynicus den Stein und Stahl umb-
Die Brust muß Rhodope das Blut ein Kiesel werden
Eh man empfindlich-seyn auß unsrem Leben nimmt
Der Mensch sey wie er will er trägt was mehr als Erden
Der Geist ist zart und fühlts so bald ein Wetter kömmt.
Gantz unerschrocken stehn wenn schwartze Donner krachen
Kommt einem harten Fels nicht einem Weisen zu;
Wer in dem Hafen liegt der kan der Winde lachen
Nicht aber der da irrt in Fluthen sonder Ruh.
Hochwerthster daß wir sehn jetzt Thrän’ auf Thränen stürtzen
Daß unerschöpfftes Weh die Seel’ in Stücke bricht
Und denckt der Jahre Rest bey solcher Angst zu kürtzen
Trifft ein mit der Vernunfft und ist zu wundern nicht.
Diß was man hertzlich liebt muß man nur sehnlich klagen
Je grösser der Verlust je herber ist das Leid
Geringe Schmertzen sind großmütig zu ertragen
Den Stoß so ihn jetzt trifft heilt nicht die lange Zeit.
Gold Güter zu verliern das Tockenwerck des Glückes
Und selbst zerfallen sehn der Ehren schimmernd Glaß
Kränckt. Doch wenn weg geraubt vom Hauptschluß des Geschickes
Die Seele so man liebt denn wird das Aug’ erstnaß.
Und soll ich weiter noch gefirnster Reden brauchen?
Nein; seines Hauses Sonn’ und Morgen-Röth’ ist hin
Wo Anmuth vor gespielt da müssen Lichter rauchen
Die vor der schwartzen Bahr das Trauren an heist glühn.
Wer leugnet daß ihm nicht Cometen jetzt geschienen?
Da gleich der Wunder Stern die schüchtre Welt erschreckt;
Kan nicht der Jammer-Blick zu einer Warnung dienen
Was künfftig über uns des Höchsten Zorn erweckt.
Und freylich ist sein Leid gedoppelt zu erwegen
Was einfach ist das drückt gehäuffte Last doch mehr.
Die Mutter mit der Frucht zugleich zu Grabe legen
Prest bittre Thränen auß und schmertzt mehr allzu sehr.
Deß Lebens Eingang ist durchgehend allgemeine
Und tausend Arten sind wodurch der Tod uns fällt.
Die Mutter wird ein Grab die Schoß zum Leichen-Steine
Des Kindes so noch nie gesehn das Licht der Welt.
Diß ist ja wunderns voll eh Sarch als Wieg’ empfangen
Daß in deß Lebens-Brunn der Kelch deß Todes schwebt
Den Sterbe-Kittel vor als Wester-Hembd erlangen
Den selbst die zarte Haut der Kreisserin gewebt.
Die so das Leben gab kriegt Sterben zum Geschencke
Spinnt wie der Seiden-Wurm ihr selbst das eigne Grab
Thut wie der Pelican daß er die Jungen träncke
So schlitzt er seine Brust und reist die Adern ab.
Daß wir die Körner sehn zerbersten die Granaten
Offt dorrt die Wurtzel ein daß nur die Blume strahlt
Dem Schmertzen der Geburt war hier gar nicht zu rathen
Er muste mit dem Kind und Leben seyn bezahlt.
Medea die hat recht so lieber dreymal sterben
Für ihrem Feinde will ans erste Glied gestellt
Als daß sie kreisten soll und ihr diß Weh erherben
So noch vom ersten Biß als Erb’ auff Weiber fällt.
Ach unbegreifflich’ Angst! die bey so strengen Nöthen
Der angesippten Seel’ als wie ein Schwerdt durchdrang
Es konte fast diß Leid die treuste Mutter tödten
Als noch viel grössre Pein deß Liebsten Hertz besprang.
Sein eintzig Angen-Trost und Leit-Stern der Gedancken
Entwich; das Ebenbild der Liebligkeiten starb
Der reitzende Magnet von dem sein Sinn zu wancken
Noch schretten nie vermocht; ward krafftlos und verdarb.
Der Weinstock der geprangt mit mehr als göldnen Früchten
Der Oelbaum welchen selbst Minerva eingesetzt
Verlohr Knosp’ und Gewächs als schon der Tod zu nichten
Den Kern der Wurtzel wolt’ und seinen Zahn gewetzt.
Der Artzt war ohn’ Artzney bey so gestalten Sachen
Ob ihn auch Esculap sonst Sohn und Erben nennt
Es konte Gottes Schluß kein Oele linder machen
Besonders weil der Tod noch Safft noch Pulver kennt.
Sie eilte nur ins Grab der Außbund schöner Frauen
Der Mutter Wonn’ und Lust deß Liebsten Hertz und Heil
Bey welcher wesentlich die Tugend war zu schauen
Und die auf gleicher Wag’ Huld Lieb und Treu bot feil.
Sie war der Livia gar wol an Witz zu gleichen
Und der Sulpitien kam ihre Sanfftmuth nah’
Jhr must Aspasie an Scham und Demuth weichen
Und die Cornelia sampt der Gedult stand da.
Was sonst den Weibern karg von der Natur gegeben
Daß Schönheit mit Verstand und Witz mit Zucht sich paart
Das sah man unzertrennt bey ihr vollkommen leben
Die Sinnen ohne Falsch die Sitten guter Art.
Noch hemmt und ändert nichts der Sterbligkeit Gesetze
Das unverschränckte Wort sagt daß man sterben muß
Wie hoch zwar dieser Fall das treue Hertz verletze
Machaons Ruhm und Lust bezeugt sein Thränen-Fluß.
Alleine wenn er denckt wie herrlich sie verkläret
Und was vergänglich war mit Ewigkeit versetzt
So heist es Gott und Recht daß er dem Trauren wehret
Der Sarch wird nur beschwert je mehr er wird benetzt.
Ob schon die Augen hier in tieffe Nacht versincken
Der Rosen-rothe Mund sich falltet und verbleicht
So werden sie doch dort als wie die Sternen blincken
Der Purpur ist sehr hoch der Mund’ und Aug’ anstreicht.
Die Klarheit übertrifft auch der Eoer Steine
Der Glieder helle Pracht wird für die Sonne gehn
Der gantze Leib bestrahlt mit einem solchen Scheine
Der ohne Wandelung bleibt an dem Himmel stehn.
Berühmter Podalier so unermeßne Schätze
Die keine Fäulnüß frist und die kein Dieb entführt
Mißgönnt er seinem Schatz? Nein: Daß er sich ergetze
Heischt dieser Ehren-Schmuck der jetzt die Liebste ziert.
Der Erden Liebe muß der himmlischen nur weichen
Wie Finsternüß verschwind vor einer lichten Flamm
Es ist gewiß obs schon mit Worten nicht zu gleichen
Die Schaffin betet an das unbefleckte Lamm.