Trauer - Ode Bey Beerdigung Hu. P. V. den 29. Julii 1677.
Mischt Träncke der Unsterbligkeit
Zieht Safft und Saltz auß edlen Steinen;
Sucht was der Theophrast bereit
Und Helmont kocht aus dürren Beinen;
Ja hättet ihr der Weisen Stein
Jhr Sterblichen den Schatz der Schätze:
So könt ihr doch nicht ewig seyn
Euch fällt des Todes Haupt-Gesetze.
Jhr Klugen die ihr graue Haar
Als einen grossen Wucher zehlet
Und bettelt umb viel lange Jahr
Erkennt doch wie ihr weit gefehlet.
Wer wünscht ihm auf der Folter-Banck
In Schmertzen angespannt zuliegen?
Und euch sol Elend Siech’ und Kranck
Des Lebens weiter Frist vergnügen.
Gelehrte wenn ihr nun gefast
Was Himmel Erd und See umbschliessen
So seyd ihr doch ein blosser Gast
Der muß was man ihm giebt geniessen.
Ach Phantasey! ach toller Wahn!
Bey Hohen Künsten diß entbehren
Was uns nach diesem Leben kan
Der Wissenschafften Kern gewehren.
Hier gilt auch nicht ein eisern Arm.
Noch des Aleides Tapfferkeiten;
Es sey das Blut so frisch und warm
Die Faust bereit und keck zum Streiten.
Wie viel hat nicht der Sand bedeckt
Die man der Zeiten Wunder nante
Die gantze Länder offt erschreckt
Und man sie vor den Mars erkante?
Nichts was des Menschen Witz ersinnt
Wie hoch er immer auch gestiegen
Was seiner Hände Werck beginnt
Kan über die Verwesung siegen.
Wir treten auf wir treten ab
Und wenn wir uns genug gezeiget
So sieht man wie der Hirten-Stab
Zugleich sich mit dem Scepter neiget.
So wird ihm auch kein Eigenthum
Ein Mensch durch sein Vermögen bauen.
Band Hoheit Ehre Pracht und Ruhm
Und was wir so erhitzt anschauen
Das Blendwerck der sehr kurtzen Zeit
Kan uns die Augen so verbinden
Daß wir den Weg der Ewigkeit
Bey unserm Abschied schwerlich finden.
Ein Spieler zieht die Kleider aus
Wenn sich die Schau-Lust hat geendet.
So lassen wir auch Hof und Haus
Und was uns das Gelück gesendet.
Müst’ einer ohne Maßque seyn
Wie heßlich wird er sich gebehrden
Stat angenommner Tugend Schein
Der Laster gröster
Was suchen wir denn auf der Welt?
Sie wird mit schnödem Danck uns lohnen
Man weiß daß man vor kindisch hält
Die spielen mit gemahlten Bohnen.
Wir Klügsten sind ein albers Kind
Das gar kein gutes kan erzielen
Wenn wir bey vielem Rauch und Wind
Deß Himmels Kleinod offt verspielen.
Es sey das Grab so schön geziert
Die Leichen-Pracht so wol bestellet;
Umbsonst daß man Gewölb auf führt
Wo nicht die Seele
Der Leib das schnöde Sünden-Nest
Mag ja in seiner Grufft verschimmeln;
Wenn nur die Seel im
Sich schwingt zu den gestirnten Himmeln.
Geehrtste Muhme die der Tod
Durch so viel Leichen hat bewehret
Sie weiß ja wie uns Angst und Noth
Des Lebens beste Krafft verzehret.
Erst Vater und denn Bruder sehn
Gestrecket auff der Bahre liegen
Verursacht nur ein kläglich flehn
Und ist so leicht nicht einzuwiegen.
Nun aber ihr der Tod ins Hertz
Und an den Punct der Seele schneidet
So glaub ich daß dergleichen Schmertz
Gemeinen Trost und Rath nicht leidet.
Sie scheint geboren nur zu seyn
Zu leben unter lauter Leichen;
Man scharrt den Vetter noch nicht ein
So muß ihr Ehschatz auch verbleichen.
Doch seiner Tugend Würdigkeit
Die Wissenschafft und edle Gaben
Stehn nicht in der Vergessenheit
Und werden wie der Leib begraben.
Sie glaube daß wer so gelebt
Der fährt mit Ehr und Ruhm von hinnen.
Er hat nach diesem Gut gestrebt
Das bleibt wenn anders muß zerrinnen.