Trauer - Ode Bey Beerdigung Hu. P. V. den 29. Julii 1677.

By Heinrich Mühlpfort

Mischt Träncke der Unsterbligkeit

Zieht Safft und Saltz auß edlen Steinen;

Sucht was der Theophrast bereit

Und Helmont kocht aus dürren Beinen;

Ja hättet ihr der Weisen Stein

Jhr Sterblichen den Schatz der Schätze:

So könt ihr doch nicht ewig seyn

Euch fällt des Todes Haupt-Gesetze.

Jhr Klugen die ihr graue Haar

Als einen grossen Wucher zehlet

Und bettelt umb viel lange Jahr

Erkennt doch wie ihr weit gefehlet.

Wer wünscht ihm auf der Folter-Banck

In Schmertzen angespannt zuliegen?

Und euch sol Elend Siech’ und Kranck

Des Lebens weiter Frist vergnügen.

Gelehrte wenn ihr nun gefast

Was Himmel Erd und See umbschliessen

So seyd ihr doch ein blosser Gast

Der muß was man ihm giebt geniessen.

Ach Phantasey! ach toller Wahn!

Bey Hohen Künsten diß entbehren

Was uns nach diesem Leben kan

Der Wissenschafften Kern gewehren.

Hier gilt auch nicht ein eisern Arm.

Noch des Aleides Tapfferkeiten;

Es sey das Blut so frisch und warm

Die Faust bereit und keck zum Streiten.

Wie viel hat nicht der Sand bedeckt

Die man der Zeiten Wunder nante

Die gantze Länder offt erschreckt

Und man sie vor den Mars erkante?

Nichts was des Menschen Witz ersinnt

Wie hoch er immer auch gestiegen

Was seiner Hände Werck beginnt

Kan über die Verwesung siegen.

Wir treten auf wir treten ab

Und wenn wir uns genug gezeiget

So sieht man wie der Hirten-Stab

Zugleich sich mit dem Scepter neiget.

So wird ihm auch kein Eigenthum

Ein Mensch durch sein Vermögen bauen.

Band Hoheit Ehre Pracht und Ruhm

Und was wir so erhitzt anschauen

Das Blendwerck der sehr kurtzen Zeit

Kan uns die Augen so verbinden

Daß wir den Weg der Ewigkeit

Bey unserm Abschied schwerlich finden.

Ein Spieler zieht die Kleider aus

Wenn sich die Schau-Lust hat geendet.

So lassen wir auch Hof und Haus

Und was uns das Gelück gesendet.

Müst’ einer ohne Maßque seyn

Wie heßlich wird er sich gebehrden

Stat angenommner Tugend Schein

Der Laster gröster

Was suchen wir denn auf der Welt?

Sie wird mit schnödem Danck uns lohnen

Man weiß daß man vor kindisch hält

Die spielen mit gemahlten Bohnen.

Wir Klügsten sind ein albers Kind

Das gar kein gutes kan erzielen

Wenn wir bey vielem Rauch und Wind

Deß Himmels Kleinod offt verspielen.

Es sey das Grab so schön geziert

Die Leichen-Pracht so wol bestellet;

Umbsonst daß man Gewölb auf führt

Wo nicht die Seele

Der Leib das schnöde Sünden-Nest

Mag ja in seiner Grufft verschimmeln;

Wenn nur die Seel im

Sich schwingt zu den gestirnten Himmeln.

Geehrtste Muhme die der Tod

Durch so viel Leichen hat bewehret

Sie weiß ja wie uns Angst und Noth

Des Lebens beste Krafft verzehret.

Erst Vater und denn Bruder sehn

Gestrecket auff der Bahre liegen

Verursacht nur ein kläglich flehn

Und ist so leicht nicht einzuwiegen.

Nun aber ihr der Tod ins Hertz

Und an den Punct der Seele schneidet

So glaub ich daß dergleichen Schmertz

Gemeinen Trost und Rath nicht leidet.

Sie scheint geboren nur zu seyn

Zu leben unter lauter Leichen;

Man scharrt den Vetter noch nicht ein

So muß ihr Ehschatz auch verbleichen.

Doch seiner Tugend Würdigkeit

Die Wissenschafft und edle Gaben

Stehn nicht in der Vergessenheit

Und werden wie der Leib begraben.

Sie glaube daß wer so gelebt

Der fährt mit Ehr und Ruhm von hinnen.

Er hat nach diesem Gut gestrebt

Das bleibt wenn anders muß zerrinnen.