[Trennt euch zuweilen]

By Paul Heyse

Written 1872-01-01 - 1872-01-01

Trennt euch zuweilen,

Ihr glücklich Liebenden!

Ach, nur die Ferne

Glüht Seel' und Seele

Magisch zusammen;

Ach, nur die Sehnsucht

Vermählt euch ganz!

Süß ist das Haben

Arm in Armen,

Süß sind die Gaben,

Die lebenswarmen,

Des geselligen

Augenblicks.

Wie reife Trauben,

Des Gartens Zierde

In sonnigen Lauben,

Die voll Begierde

Wir pflücken und naschen,

Durstig des raschen,

Trunkenen Glücks.

Doch gleich dem Weine,

Der aus der Kelter

Trübe geflossen,

Lange von dunkeln

Reifen umschlossen,

Bis er mit Funkeln

Im Becher glüht:

So kann nur Liebe

Das Mark durchglühen,

Die ausgereift ist

In Sehnsuchtsmühen,

Fern und alleine,

Bis ihr die Blume,

Die duftig reine,

Dauernd erblüht.

Trennt euch zuweilen,

Ihr glücklich Liebenden!

Besser, es trennen

Euch weite Meilen,

Als der Nähe

Treiben und Jagen,

Wo Herz dem Herzen

Muß ferne schlagen

Und Blicke scherzen

In fremdem Glanz.

Ach, nur die Ferne

Glüht Seel' und Seele

Magisch zusammen;

Ach, nur die Sehnsucht

Vermählt euch ganz!