Trinklied

By Ludwig Achim von Arnim

Written 1806-01-01 - 1806-01-01

Der edle Wein

Ist doch der beste Schieferdecker,

Sein schiefer Schein

Macht alle Menschen etwas kecker,

Ich wundre mich,

Daß er so klettern kann und steigen,

Und macht daß sich

Die großen Häupter vor ihm neigen.

Der muntre Trank

Kann ohne Leiter weiter kommen,

Wenn er so blank

Die Stirnenburg hat eingenommen,

Als mancher, der

Mit Hülfe sich hinan will bringen,

Und ohn Gefahr

Die Hälfte noch weiß zu erzwingen.

Drum bleibts dabey,

Er hegt ein recht vergöttert Leben,

Weil er so frey

Kann in die Lüfte schweben.

Und wenn wir ihn

In unsre hohlen Hälse lassen

Mit Pracht einziehn,

Empfinden wir ihn gleichermassen.

Dann manches Haus,

So schwer es sonst auf Säulen stehet,

Fährt mit hinaus,

Es merket, daß es leichter gehet,

Sobald der Wein

Durch seine Pfort ist eingezogen,

So stimmt es ein,

Und meint es sey schon hochgeflogen.

Wenn dies geschicht,

So könnte doch kein Haus bestehen,

Wenn Morpheus nicht,

Der Baukunst an die Hand zu gehen,

Vor andren wär

Erfahren und so weit gekommen,

Daß ihm die Ehr

Von Sterblichen noch nie genommen.

Dann wenn der Wein

Aufleget gar zu schwere Dächer,

So muß es seyn,

Daß sie beschweren die Gemächer,

Macht er Verdruß,

So mag er Schieferdecker bleiben,

Dach Morpheus muß

Den Bau erhalten und forttreiben.