Triumph der Sehnsucht

By Hermann Conradi

Written 1876-01-01 - 1876-01-01

Das sind die Wogen der Sehnsucht,

Die fluten mir durch das Herz –

Der Sehnsucht, köstlich berückend,

Wie Knospenbotschaft im März ...

Das sind die Wogen der Sehnsucht,

Die in mir branden und blühn –

Die mich berauschen, wie schwüles

Düften von weißem Jasmin.

Wie im Traume war ich gewandelt,

Von engem Genügen erfüllt –

Vor mir ein kleines, banales

Farbloses Werkeltagsbild ...

Sie nahm so ganz mich gefangen,

Die winzige Werkeltagspflicht –

Zerschmolz mein stolzes Verlangen,

Verhing mein suchend Gesicht ...

Still war es – freudlos und leidlos

Rann Stunde um Stunde dahin –

Und keine war drängende Sehnsucht –

Und keine Empörerin ...

Nun strömen und rollen wieder

Die Schauer der Sehnsucht wild –

Zerbrochen liegt das Bildnis –

Mein Auge ist unverhüllt ...

Ich fühle unendliche Schmerzen

Und Wonnen namenlos –

Ich kreise mit den Gestirnen,

Bin klein und doch riesengroß ...

Bin Staub und doch die Achse –

Ein Punkt und doch alles zugleich ...

Ich verzehre mich in Sehnsucht –

Und bin an Erfüllung so reich! ...