Trost-Elegie An die betrübte Eltern und Groß-Eltern über dem Absterben J. A. C. ...
Die Thränen so jetzund aus euren Augen rinnen
Und noch zu guter Nacht die
Betrübtste wird kein Mensch als unrecht tadeln können
Er müste den ein Felß und kalter Marmel seyn.
Hier iockt sie die Natur aus treuen Liebes-Quellen
Der Regen trocknet nicht so sich ins Hertz ergeust.
Zuweilen lassen sich die Zähren noch verstellen
Nicht aber wenn der Schmertz biß in die Seele reist.
Zudem ist auch ver gonnt die Seinen zubeklagen
Denn Thränen bleiben wol Dolmetscher unser Noth
Gesehrten so uns erst in dieses Leben tragen
Begleiter wenn aus dem uns rufft der blasse Tod.
Doch aber sollen sie den jenen Flüssen gleichen
Die nie aus ihrem Bett’ und grünen Ufern gehn.
Ein Weiser wird das Ziel bey seinem Leid erreichen
Wenn er bedenckt wie nah so Tod als Leben stehn.
Der Schluß ist längst gemacht daß Menschen müssen sterben
Wer diß betrauren wil der kennt sich selbsten nicht.
Wie soll nicht dieser Leib der Asch und Staub verderben
Wenn uns bey der Geburt die erste Haut schon bricht?
Der Anfang führt mit sich sein eintzig Kind das Ende
Wie groß der Unterscheid macht uns der Ausgang gleich.
Auch Kindern ist zuviel die Mänge vom Elende
Und für der Jahre Flucht wird ein verlebter bleich.
Sagt
So ihrer Jahre Zahl auff hohe Staffeln bracht.
Ob sie bey Angst und Noth sich täglich nicht begraben
Und saurer Tage Last sie todten ähnlich macht:
Alsdenn legt auch die Zeit auff gleiche Wage-Schalen
Und messet mir den Raum so unser Leben hat.
Gewiß die der Natur früh ihre Schuld bezahlen
Sind mehr glückseliger als die so Lebens-sat.
Theils sehen sich zuvor an ihren Kindern sterben
Theils gehen stets gebückt voll Eckel voll Verdruß
Und vielen wird der Harm das Leben so erherben
Daß nichts als Angst und Noth ihr eintzig Uberfluß.
Man heist den jenigen erfreuet sonst wilkommen
Der seiner Reise Ziel ein kurtzes Ende macht.
Nun in dem Himmel ist die
Und zu der Nachbarschafft der Engel hingebracht
So klagt
Daß eures Lebens Trost und Hoffnung fällt dahin.
Gedenckt der unser Zeit und Tage führt in Händen
Hat ihr den frühen Tod gerechnet zum Gewinn.
Zwar die Behägligkeit die freundlichen Geberden
Die liebliche Gestalt des Leibes Hurtigkeit
Und andre Schätze mehr so ench entzogen werden
Sind Wecker neuer Angst und Auffboth zu dem Leid.
Allein wie kan ein Mensch den innern Rath ausfragen
Den GOttes Macht-Gericht’ hat über uns bestimmt?
Indem der Erden-Kreyß erbebt von vielen Plagen
Geschicht nicht denen wol so früh’ GOtt zu sich nimmt?
Jhr rein und zarter Geist hat nie das Gifft geschmecket
So offt die Heiligen auff dieser Welt verführt
Und ihre Seele war von Lastern nie beflecket
Die unser Fleisch und Blut im Alter sonst gebirt.
Gesetzt: Daß ferner auch der Frühling ihrer Jugend
In holder Liebligkeit zum schönsten auffgeblüht
Und ihr begierig Sinn in ungefärbter Tugend
Und wahrer Gottes furcht nur eintzig sich bemüht;
So wär ihr Stunden-Glaß doch endlich auch zerfallen
Es hätte sie der Tod als wie an jetzt gestreckt:
Diß Leben bleibet nur ein unablässig Wallen
Biß den verblasten Leib die Schoß der Erden deckt.
Man leide mit Gedult was alle müssen leiden
Und thu nur unverzagt was doch gethan muß seyn.
Den Schluß von Ewigkeit Antreten und Abscheiden
Reist keine Ungedult noch kläglich Winseln ein.
So weit die Cynthia ihr silbern Tauhorn lencket
Und Phöbus göldnes Rad den Kreiß der Welt durchfährt
Ist nichts als Unbestand der unser Thun umbschrencket
Und Kummer der den Kern des Geistes fast verzehrt.
Ja endlich unser Leib ist nur ein Grab der Seele
Ein Kercker wo uns nichts als Nacht und Schrecken rührt
Ein arge Folter-Banck und Marter-reiche Höle
Die mit stets neuer Noth die schwachen Glieder schnürt.
Ein Schiffmann jauchtzt und springt wenn er den Port erblicket:
Ist nicht der Tod bey uns ein Port der süssen Ruh?
Der vor des Lebens Lust die Menschen mehr erquicket
Wenn seine Hand zuletzt uns drückt die Augen zu.
Betrübtste weiter wird auch diß noch Trost bereiten.
Daß die so wol gelebt und seelig scheiden ab
Man sol mit Lobgesang zu ihrer Grufft begleiten.
Die Thür zur Ewigkeit ist frommer Christen Grab.
Die bittern Schmertzen wird ihr Angedencken stillen
Denn die man hochgeliebt vergisst man nimmer nicht.
Muß schon was irrdisch war die Erde wieder füllen
So schwebt ihr Bildnüß doch euch immer im Gesicht.
Ja rufft vielmehr Glück zu! der seelgen Catharinen
Die den April der Welt tauscht mit des Lebens May:
Bekrönt ihr enges Grab mit frischen Roßmarinen
Zum Trost daß eure Blum’ hierinn verschlossen sey.
Der Garten eurer Eh’ muß jetzt zwar Anstoß leiden
Des Todes Witterung raubt Pflantzen bester Art.
Doch wird das Paradeis mit neuem Glantz sie kleiden
Und zu mehr Herrligkeit hat sie das Grab bewahrt.
Drumb
Jhr kurtzes Leiden hat erlangt den schönsten Preiß.
Umbsonst beklagt man sie mit seufftzen-vollem Sehnen.
Der traurt am Christlichsten der Maß zu halten weiß.