Trost-Gedancken eines tugendhaften Frauenzimmers bey dem Absterben ihrer Eltern
Written 1697-01-01 - 1697-01-01
Mein Gemüthe sey zufrieden
Und erdulde diesen Schluß
Daß von dir nunmehr geschieden
Was dein Liebstes heißen muß.
Die Vernunft steht dir zur Seiten:
Ruhig ist ein edler Geist
Und daß mit dem Himmel streiten
Allezeit verliehren heißt.
Seelen die in Thränen baden
Trocknet letzt der Himmel ab
Und läßt einen Thau der Gnaden
Auf ein mattes Hertz herab.
Wenn wir nirgends Hülfe kriegen
Und nur auf den Himmel sehn
Ach so ist ihm ein Vergnügen
Uns alleine beyzustehn.
Mich hat nicht die Welt verlassen
Selbst mein Hertz verlässet sie.
Ich will alle Laster hassen
So läßt mich die Tugend nie.
Geilheits Rosen will ich fliehen
Andern bringe sie die Zeit:
Hier in reinen Hertzen blühen
Liljen der Zufriedenheit.
Morgends lachen Abends weinen
Ist der Welt gemeines Spiel.
Und man darf mein Trauren fragen
Wie mein Trost so plötzlich fiel.
Doch auch späte Früchte letzen
Und am Ende lacht man schön;
Da sich andre früh ergetzen
Und des Mittags Jammer sehn.
Allenthalben scheint die Sonne
Auf des Himmels Blumen gern;
Und vieleicht strahlt mir zur Wonne
Anderswo ein Freuden-Stern.
Dieser Trost steht wir noch offen
Den zu mir der Himmel spricht:
Nach geruhig seyn und hoffen
Laß ich fromme Kinder nicht.