Trost-Schreiben an Herrn Friderich Ortlob/weit-berühmten Doctorem Medicinæ und B...
Written 1672-01-01 - 1672-01-01
Mein Freund des Herren Hand hat ihn wohl harte troffen
Indem die liebsten Zwey von seiner Seite ziehn.
Wo äusserlicher Schein hieß langes Leben hoffen
Das riß der frühe Tod eh mans gedacht dahin.
Was treue Brüder-Lieb und Einigkeit verbunden
(Ein schön und seltnes Gutt) wird unvermutt getrennt.
Was aber reiss' ich auff die kaum verharschten Wunden
Wenn noch ein neuer Leyd in heisser Wehmutt brennt?
Der Seelen halbes Theil von Gottes Hand gerühret
Weist schon ein Ebenbild der blassen Leichen aus.
Es wird durch treuen Fleiß was Besserung gespüret
Darüber stärcket sich mit ihr das gantze Hauß.
Verwandt-Bekandter hofft ein völliges Genesen
Und bildet ihm annoch ein langes Wohlseyn ein;
Er aber der versteht wie die Gefahr gewesen
Kan nimmer ohne Leyd und stille Sorgen seyn.
Sein eigner Leib empfindt wie er von andern jage
Durch Kunst und Gottes Gunst was seinem Hause stellt
Wie er den Samen deß gleich andern bey sich trage
Worwider doch kein Kraut zu finden in der Welt.
Der vor-erwehnte Fall muß solchen Schmertz vermehren
Biß Gottes Hand numehr noch einmahl wiederkümmt
Und wir mitleidig die betrübte Zeitung hören
Daß sie das liebste Pfand aus seinen Armen nimmt.
Den Epheu kan man nicht aus seiner Mauer bringen
Daß nicht in selbiger die tieffe Narbe bleibt:
Wie wolte Thränen-Blutt nicht aus dem Hertzen springen
Von dem der Keil der Noth das Angewachßne treibt!
Die wahre Gottesfurcht der Geist voll Andachts-Flamme
Die treue Häußligkeit muß nun vermisset seyn;
Der Freund des Armen Mund beklagt die Wohlthats-Amme
Der Spiegel der Gedult verlieret seinen Schein.
Der treu-erkandte Sinn der immer gleiche Wille
Sezt numehr von ihm ab will izt nicht was er will.
Des Tages Einsamkeit der Nacht betrübte Stille
Steckt seinem Leyd kein Maaß und seiner Angst kein Ziel.
Wir sind nicht Felsen-Art daß wir nicht fühlen solten
Wenn unser Hertze wird von solchem Weh beklemmt:
Und wenn wir als erstarrt die Schmertzen bergen wolten
So würden sie doch nur auff eine Zeit gehemmt.
Jedennoch müssen wir in Thränen nicht zerrinnen
Die Zähren müssen uns nicht selber zehren auff:
Wir künnen doch dadurch vom Tode nichts gewinnen
Verkürtzen uns nur selbst den kurtzen Lebens-Lauff.
Wer aber nun ergänzt die Wunden in dem Hertzen?
Die aller Urtheil nach vor tödtlich sind erkandt.
Welch Julep kühlet ab die heiß-entbrannten Schmertzen?
Welch Mittel welcher Arzt wird nützlich angewandt?
Kein Heydnisch Wundkraut heilt dergleichen süchtge Wunden
Kein Pflaster vom Parnaß kein Anstrich von Athen
Hier hat kein Podalir vergnügte Mittel funden
Man heisset uns umsonst zur harten Stoa gehn.
Die Wehmutt ist ein Glaß das falsche Farben zeiget
Ein thränend Auge sieht den heitern Himmel nicht
Der Monde der Vernunfft der in die Höhe steiget
Ist doch zu schwach daß er die dicken Wolcken bricht;
Es muß ein ander Glantz vom hohen Himmel scheinen
Der solchen Nebeldunst mit Krafft zertheilen kan:
Die irdsche Sonne macht ein blödes Auge weinen;
Die Ungeschaffne frischt zu wahrer Großmutt an.
Nun mein geehrter Freund er folge deren Leiten
Die ihn aus einer Nacht des tieffen Traurens zieht
Die ihm hat Zeit vergönnt sich Christlich zu bereiten
Zu dem was er itzund vor seinen Augen sieht.
Wer uns geschlagen hat kan auch am besten heilen.
Die Hand die uns verlezt thu auch den ersten Bund.
Erfahrung und Natur heist uns nach diesem eilen
Was uns durch seine Gifft und zorngen Biß verwundt.
Zwar hier ist keine Gifft hier ist kein Zorn zu finden:
Es thuts des Herren Hand die alles wohl gemacht
Des Herren Hand gewohnt zum Schlagen und verbinden
Des Herren Hand der nie zu unserm Schaden wacht.
Schwer ist es unsern Schmertz bald erstlich zu bestillen
Die Eigen-Liebe denckt offt mehr auff sich als Gott
Sieht ihren Kummer an durch falsch-geschliffne Brillen
Verdoppelt ihren Harm vergrössert ihre Noth.
Wir suchen nur was wir an unsrer Seite missen
Und klagen daß uns Freud und Hülff und Trost entgeht
Erwegen aber nicht daß wir diß Liebe wissen
Wohin auch unser Wunsch und brünstig Seufftzen steht:
Bedencken nicht wie es dem Tode kan entrinnen
Wie es verlassen hat das Siech-Hauß dieser Welt
Und wollen ihm gar bald die Freude nicht vergünnen
Die ihm des Herren Hand in seiner Schos bestellt.
Wir sehen nicht wie Gott auff seine liebsten Kinder
Das Siegel iederzeit des heißen Creutzes drückt
Wenn er die wilde Schaar der Gotts-vergessnen Sünder
Bey blühendem Gelück in ewge Straffe schickt.
Wir wissen nicht was die vor Unglück offt entkommen
Die ein noch früher Tod aus unsern Augen reist;
Und anders was ich mir zu melden vorgenommen
Wenn nicht die Schwachheit noch beschwerte Leib und Geist.
Doch wird sein Christenthum mit welchem kluges Wissen
Vernünfftges Urtheil und Verstand gesellet gehn
Sein stets gemäßigt Sinn und männliches Entschlüssen
So diß und mehr betracht dem Höchsten stille stehn.
Der selge Geist ruht nun in seines Herren Händen
Der Kranckheits-müde Leib schläfft in dem Grabe wohl!
Man wird der Tugend Ruhm zur späten Nachwelt senden:
Kein ORT ist welcher nicht ihr LOB vermelden soll.