Trost-Schreiben An Hn. F. K. d. R. in D. über das Absterten seines Sohnes Hn. J....
Wje soll Woledler Herr mein Blat ihn nicht er- schrecken
Das diese Botschafft bringt: der
Jedwede Zeile wird nach Gall und Wermuth schmecken
Und meine gantze Schrifft erfüllt nur Ach und Noth
So schlägt der Donner nicht mit ungeheuren Krachen
Und Schwefel-lichtem Blitz bey Vieh und Menschen ein
Als diese Post sein Hertz itzt wird zu nichte machen
Und ihn fast ohne Geist und Seele heissen seyn.
So wirfft ein Augenblick die gantze Hoffnung nieder
Und aller Wünsche Zweck verkehrt des Todes Macht.
So sieht er seinen Trost der Jahre nicht mehr wieder
Und deß Geschlechtes Stern sinckt in des
Welch Stoicus kan hier die heissen Thränen hemmen
Das Zoll Geld der Natur bey unsrer Sterbligkeit
Und wenn sie Strömen gleich die Augen überschwemmen
So bilden sie nicht ab das innre Seelen-Leid.
Timanthes muß verhüllt den Agamemnon mahlen
Wenn seine Tochter wird zum Opffer abgeschlacht.
Kein Pinsel gibt an Tag der heissen Liebe Strahlen
Die in der Eltern Hertz vor ihre Kinder wacht.
Die Güter des Gelücks sind schmertzlich zu verlieren
Stand Hoheit Ehre Ruhm schätzt man dem Leben gleich:
Doch seynd die Regungen weit hefftiger zu spüren
Wenn unser Fleisch und Blut zertrennt deß Todes Streich.
Auf die man hat gebaut daß sie deß Stammes Erben
Deß Namens Ewigkeit Fortpflantzer solten seyn
Seh’n in der ersten Blüth im Lentz der Jahre sterben
Bringt nur gedoppelt Leid und ungemeine Pein.
Und zwar Wol-Edler Herr was mehr den Schmertz ergrimmet
Daß itzt in frembdem Sand sein Sohn erblassen muß
Daß er abwesende den herben Abschied nimmet
Und nicht auß Liebes-Pflicht ertheilt den letzten Kuß:
Daß nicht die Vater-Hand die Augen kan zudrücken
Und biß ins schwartze Grab nachruffen:
Gehab dich ewig wol mein Hoffen und Erquicken!
Ach daß ich
Denn tritt auch die Vernunfft dem Schmertzen an die Seite
Stellt seine Grösse für und zeiget den Verlust
Bemüht sich wie sie siegt bey solchem Zweiffel-Streite
Und ob sie Rath und Trost kan reissen auß der Brust.
Bevor wenn sie die Lieb als Beystand ihr erwehlet
Und deß verblaßten Bild tieff in das Hertze drückt.
Wenn sie die süsse Zeit und Freuden-Tag’ erzehlet
Da der geliebte Sohn das gantze Hauß erquickt.
Wie er so embsig war der Tugend nachzugehen
Wie er durch Gottesfurcht den Grund darzu gelegt
Und glaubte daß der Schatz auß den gestirnten Höhen
Unschätzbaren Gewinn die Zeit des Lebens trägt.
Wie er von guter Art und angenehmen Sitten
Gleich einem schönen Baum behäglich hat geblüht
Dem Guten nachgelebt den Lastern widerstritten
Und in der Handlung sich mit grosser Treu bemüht.
Diß sind itzt der Vernunfft sehr scharff-gespitzte Pfeile
Womit sie werther Herr sein Hertz zu theilen denckt:
Hier dient kein Podalier der solche Wunden heile
Das beste Pflaster ist das uns der Himmel schenckt.
Der unverruckte Schluß von Ewigkeit gesprochen
Ist:
Ob dem die Augen früh und jenem spat gebrochen
Wer kan den Schickungen des Höchsten widerstehn?
Wir eilen all’ ins Grab gleich Läuffern zu dem Ziele
Ein kleiner Unterscheid kommt aus der Tage Flucht
Wir treten in die Welt als wie zu einem Spiele
Da jeder mit Begier nur bald das Ende sucht.
Was hat ein alter Greiß für Vortheil vor den Jungen?
Nichts als daß seinen Raum erweitert größre Noth;
Je mehr er durch die Zahl der Jahre ist gedrungen
Je mehr er Marter fühlt Begleiter in den Tod.
Die Lebens Bitterkeit ist Kindern auch zu lange
Und seine Flüchtigkeit bejahrten auch zu schnell
Und eh’ der Tod erscheint wie offt wird uns nicht bange!
Wie lechzet nicht die Seel als wie nach einer Quell!
Ja wenn wir alle Noth Gefahr und Angst ermessen
So ist das längste Ziel nicht einer Elle breit.
Geschweige wenn wir recht zu leben gar vergessen
Und selber uns verliehr’n in schnöder Uppigkeit.
Er kan
Daß er ihm nicht zugleich die bessern Freuden günnt.
Er ist ja nur voran auff kurtze Frist gegangen
Er weiß daß sie entzweyt doch nicht getrennet sind.
Dem Allerhöchsten hat sein feiner Geist gefallen
Weil er ihn früh entzeucht der Sünden-vollen Welt
Da auff der Jugend Eyß viel gleiten ja wol fallen
Und statt der Tugenden seyn Lastern zugesellt.
Er darff auff dieser Welt nach Gütern nicht mehr reisen
Nun er die Himmlischen erlangt zum Eigenthum
Wer so den Wechsel schleust der ist recht klug zu preisen
Und seine Handelschafft besteht für GOtt mit Ruhm.
Und ob die Mutter Stadt nicht sein Gebeine decket
Der abgeseelte Leib ruht wol in jedem Sand.
Der Tod hat keinen Platz zum Sterben ausgestecket
Den holt er auff der See und jenen auff dem Land’.
Es ist uns ja bewust daß hier kein ewig Bleiben:
Des Himmels Wohnungen sind unsre Vater-Stadt.
Da kan der liebste Sohn sich itzt als Bürger schreiben
Da spührt er Uberfluß an Herrligkeit und Gnad.
Genug! Wol-Edler Herr ich muß mein Schreiben enden.
Ach könte doch zugleich der Schmertzen Ende seyn!
Er nehme nur getrost von GOttes Vater-Händen
Den Creutz Kelch voller Angst so er ihm schencket ein.
Auch mitten in dem Leid wird Freude sich entspinnen
Wenn dieses Lob erschallt:
Gott nahm nach seinem Rath ihn zwar sehr früh von hinnen
Doch trägt er diesen Ruhm zur Grabeschrifft davon.