Trost-Schreiben An Hn. F. K. d. R. in D. über das Absterten seines Sohnes Hn. J....

By Heinrich Mühlpfort

Wje soll Woledler Herr mein Blat ihn nicht er- schrecken

Das diese Botschafft bringt: der

Jedwede Zeile wird nach Gall und Wermuth schmecken

Und meine gantze Schrifft erfüllt nur Ach und Noth

So schlägt der Donner nicht mit ungeheuren Krachen

Und Schwefel-lichtem Blitz bey Vieh und Menschen ein

Als diese Post sein Hertz itzt wird zu nichte machen

Und ihn fast ohne Geist und Seele heissen seyn.

So wirfft ein Augenblick die gantze Hoffnung nieder

Und aller Wünsche Zweck verkehrt des Todes Macht.

So sieht er seinen Trost der Jahre nicht mehr wieder

Und deß Geschlechtes Stern sinckt in des

Welch Stoicus kan hier die heissen Thränen hemmen

Das Zoll Geld der Natur bey unsrer Sterbligkeit

Und wenn sie Strömen gleich die Augen überschwemmen

So bilden sie nicht ab das innre Seelen-Leid.

Timanthes muß verhüllt den Agamemnon mahlen

Wenn seine Tochter wird zum Opffer abgeschlacht.

Kein Pinsel gibt an Tag der heissen Liebe Strahlen

Die in der Eltern Hertz vor ihre Kinder wacht.

Die Güter des Gelücks sind schmertzlich zu verlieren

Stand Hoheit Ehre Ruhm schätzt man dem Leben gleich:

Doch seynd die Regungen weit hefftiger zu spüren

Wenn unser Fleisch und Blut zertrennt deß Todes Streich.

Auf die man hat gebaut daß sie deß Stammes Erben

Deß Namens Ewigkeit Fortpflantzer solten seyn

Seh’n in der ersten Blüth im Lentz der Jahre sterben

Bringt nur gedoppelt Leid und ungemeine Pein.

Und zwar Wol-Edler Herr was mehr den Schmertz ergrimmet

Daß itzt in frembdem Sand sein Sohn erblassen muß

Daß er abwesende den herben Abschied nimmet

Und nicht auß Liebes-Pflicht ertheilt den letzten Kuß:

Daß nicht die Vater-Hand die Augen kan zudrücken

Und biß ins schwartze Grab nachruffen:

Gehab dich ewig wol mein Hoffen und Erquicken!

Ach daß ich

Denn tritt auch die Vernunfft dem Schmertzen an die Seite

Stellt seine Grösse für und zeiget den Verlust

Bemüht sich wie sie siegt bey solchem Zweiffel-Streite

Und ob sie Rath und Trost kan reissen auß der Brust.

Bevor wenn sie die Lieb als Beystand ihr erwehlet

Und deß verblaßten Bild tieff in das Hertze drückt.

Wenn sie die süsse Zeit und Freuden-Tag’ erzehlet

Da der geliebte Sohn das gantze Hauß erquickt.

Wie er so embsig war der Tugend nachzugehen

Wie er durch Gottesfurcht den Grund darzu gelegt

Und glaubte daß der Schatz auß den gestirnten Höhen

Unschätzbaren Gewinn die Zeit des Lebens trägt.

Wie er von guter Art und angenehmen Sitten

Gleich einem schönen Baum behäglich hat geblüht

Dem Guten nachgelebt den Lastern widerstritten

Und in der Handlung sich mit grosser Treu bemüht.

Diß sind itzt der Vernunfft sehr scharff-gespitzte Pfeile

Womit sie werther Herr sein Hertz zu theilen denckt:

Hier dient kein Podalier der solche Wunden heile

Das beste Pflaster ist das uns der Himmel schenckt.

Der unverruckte Schluß von Ewigkeit gesprochen

Ist:

Ob dem die Augen früh und jenem spat gebrochen

Wer kan den Schickungen des Höchsten widerstehn?

Wir eilen all’ ins Grab gleich Läuffern zu dem Ziele

Ein kleiner Unterscheid kommt aus der Tage Flucht

Wir treten in die Welt als wie zu einem Spiele

Da jeder mit Begier nur bald das Ende sucht.

Was hat ein alter Greiß für Vortheil vor den Jungen?

Nichts als daß seinen Raum erweitert größre Noth;

Je mehr er durch die Zahl der Jahre ist gedrungen

Je mehr er Marter fühlt Begleiter in den Tod.

Die Lebens Bitterkeit ist Kindern auch zu lange

Und seine Flüchtigkeit bejahrten auch zu schnell

Und eh’ der Tod erscheint wie offt wird uns nicht bange!

Wie lechzet nicht die Seel als wie nach einer Quell!

Ja wenn wir alle Noth Gefahr und Angst ermessen

So ist das längste Ziel nicht einer Elle breit.

Geschweige wenn wir recht zu leben gar vergessen

Und selber uns verliehr’n in schnöder Uppigkeit.

Er kan

Daß er ihm nicht zugleich die bessern Freuden günnt.

Er ist ja nur voran auff kurtze Frist gegangen

Er weiß daß sie entzweyt doch nicht getrennet sind.

Dem Allerhöchsten hat sein feiner Geist gefallen

Weil er ihn früh entzeucht der Sünden-vollen Welt

Da auff der Jugend Eyß viel gleiten ja wol fallen

Und statt der Tugenden seyn Lastern zugesellt.

Er darff auff dieser Welt nach Gütern nicht mehr reisen

Nun er die Himmlischen erlangt zum Eigenthum

Wer so den Wechsel schleust der ist recht klug zu preisen

Und seine Handelschafft besteht für GOtt mit Ruhm.

Und ob die Mutter Stadt nicht sein Gebeine decket

Der abgeseelte Leib ruht wol in jedem Sand.

Der Tod hat keinen Platz zum Sterben ausgestecket

Den holt er auff der See und jenen auff dem Land’.

Es ist uns ja bewust daß hier kein ewig Bleiben:

Des Himmels Wohnungen sind unsre Vater-Stadt.

Da kan der liebste Sohn sich itzt als Bürger schreiben

Da spührt er Uberfluß an Herrligkeit und Gnad.

Genug! Wol-Edler Herr ich muß mein Schreiben enden.

Ach könte doch zugleich der Schmertzen Ende seyn!

Er nehme nur getrost von GOttes Vater-Händen

Den Creutz Kelch voller Angst so er ihm schencket ein.

Auch mitten in dem Leid wird Freude sich entspinnen

Wenn dieses Lob erschallt:

Gott nahm nach seinem Rath ihn zwar sehr früh von hinnen

Doch trägt er diesen Ruhm zur Grabeschrifft davon.