Trost-Zeilen an die Fr. Wittib Bey Beerdigung Hn. G. M. den 19. Decembr. 1677.

By Heinrich Mühlpfort

Wenn jetzt zwey Palmen stehn mit Lieb-vereinten Zweigē

Und Blüt und Liebligkeit auff allen Blättern lacht;

Und drauff des Wetters-Straal wird einen niederbeu-

Und ihm das grüne Haar versengt und dünne macht:

So fängt die andre an aus Beyleid zuerblassen

Jhr laubicht Gipffel hängt die Zweige schlaffen ein

Ja sie wird so ein Bild des Traurens blicken lassen

Daß man bekennen muß daß sie vermählte seyn.

So auch die Anemon’ in ihrem Purpur-Kleide

Alsbald ihr Aug und Licht die göldne Sonne sinckt

Wirfft allen Zierath weg und gehet wie im Leide

Wenn sie den Thau der Nacht als Thränen in sich trinckt.

Nicht anders

Nachdem der Liebste muß den Weg des Fleisches gehn

Jhr Auge schwimmt in Fluth ihr Hertz in heissem Blute

Und man sieht umb sie rumb viel nasse Zeugen stehn.

Die Turtel-Taube kan den Gatten nicht so klagen

Als sie itzt ihren Schatz und ander Hertz betraurt.

Jhr Sonnen-Schein ist hin sie sieht bey Winter-Tagen

Sich nur mit Einsamkeit und banger Furcht ummaurt.

Gleicht sie nicht dem Corall der in gesaltznen Thränen

Des Meeres wilder Fluth sein eintzig Wachsthum hat?

Mach nicht das innre Weh und wiederholte Sehnen

Die Leibes-Kräfft schwach die Lebens-Geister mat?

Gemeine Schmertzen sind noch endlich zuertragen

Alleine wenn der Tod biß an das Hertze greifft

Wird der erschrockne Mund nicht Angst und Wehmuth sagen

Indem der Plagen-Heer in seine Glieder streifft.

Und

Der best und liebste Freund auff dieser Welt ist hin:

Die Zuflucht die sie nahm zu seinen Wolfahrts-Bäumen

Erstirbt und Thränen sind ihr übriger Gewin.

Zwey Perlen wenn sie sich in zweyen Muscheln trennen

Sieht auch der tolle Schaum der See mitleidig an:

Zwey Hertzen die zugleich in einer Flamme brennen

Sehn durch den Tod zertheilt so sonst nichts theilen kan

Ist ein erbärmlich Werck; der Sterbligkeit ihr Spiegel

Den sie hat auff den Platz der weiten Welt gesetzt.

Das eiserne Gebot bricht Eh-Schluß Brieff und Siegel

Und was der Mensch für fest und unverbrüchlich schätzt.

Wiewol

Zu ihrem Christenthum erbaulich dienen kan

So lange wir im Fleisch so müssen wir nur leiden

Es greifft der grosse GOtt auff tausend Weg uns an.

Wenn bloß nur die Vernunfft hier wil zu Rathe sitzen

Und das Gemüthe sol nach seiner Regung gehn

So würde nur mein Wort mehr ihre Wunden ritzen;

Ergrimmten Schmertzen ist nicht leicht zuwiederstehn.

Hingegen wenn sie denckt was aus des Liebsten Munde

Für ein beweglich Wunsch und Seelen-Seuffzer ging

So achte sie beglückt den Tag und diese Stunde

Da erst ihr Ehe-Schatzrecht an zu leben fing.

Wünscht er nicht frey zu seyn von seinen Kett- und Banden?

Wer rieffer macht mich doch von meinem Kärcker loß?

Es werde dieser Leib der Sünden Nest zuschanden!

Erlöser nimm mich auff in deine Gnaden-Schoß!

Ich sterbe gern der Welt umb dort mit dir zu leben

Ich schliesse hier mein Aug umb dort dich anzuschaun.

Hier hält mich Sünd und Tod so lang ich schnaub’ umbgeben

Bey dir wil ich mir erst die Freyheits-Städte baun.

Gewiß

Wie tieff in ihre Seel ihr Liebster war geprägt:

So weiß ich wo sie nicht dem Schmertz sich gantz ergiebet

Daß sein Erlösung ihr den besten Trost zulegt.

Wenn einer der anitzt tieff im Gefängnüß sitzt

Mit Ketten angezwängt mit Fesseln hoch beschwert

Auff dessen Scheitel nie der Sonnen Fackel blitzet

Und den geklem̃ten Leib Stanck Fäul und Wurm verzehrt

Solt’ in ein Für stlich Schloß frey quit und ledig kommen

Wie würde nicht sein Hertz und Seele sich erfreun?

Und wir wenn unser Freund ins Himmelreich genommen

Bemühn sich umb ihr Grab noch Thränen aus zustreun.

Es ist ja nur der Leib ein Stockhaus unsrer Seele

Das Fleisch ein solches Bley das ihre Flügel drückt.

Und dennoch hängen wir an dieser Marter-Höle

So fest als

Wer löset uns nun auff von so verwirrten Seilen?

Welch starcker Samsons Arm reisst diese Strick entzwey?

Heist uns nicht jene Stimm’ Fleuch mein Geliebter eilen?

Fleuch wer gefangen lebt wird nach dem Tode frey.

Nunsolchem Dränger-Stall ist auch ihr Schatz entgangen

Betrübtste keine Qual der Kranckheit setzt ihm zu.

Wir sterben da er hat zu leben angefangen:

Uns plagt noch Zanck und Streit ihr krönet Heil und Ruh.

Beklagt sie endlich diß daß so getreue Flammen

So ungemeine Lieb in solcher Flüchtigkeit?

Gesetzt sie brächt ihr Wünsch und Hoffen hoch zusammen

Verschlünge solches nicht der Abgrund von der Zeit?

Auch diese kurtze Frist macht lang sein Angedencken

Nichts mehr ließ Seneca als seiner Tugend Bild

Nach dieser solte sich Paulinens Seele lencken

Die blieb in Freud und Leid ihr schönster Ehren-Schild.

Wo solche Tempel sind erbauet in dem Hertzen

Wo diß Gedächtnüß Licht in treuen Seelen brennt

So können sie mit Tod und mit Verwesung schertzen

Weil er die Glieder nur nicht die Gemüther trennt.

Hat

Die Treu zu ihrem Schatz der Zeit gemeldet an.

So glaub ich daß auch wird in ihrer Seele stehen

Sein wolverdienter Ruhm der nicht vermodern kan.

Der prest die Redligkeit und jener ein Gemüthe

Daß mit dem Gifft der Zeit und Falschheit nicht befleckt.

Sein Hertze trug Metall daß noch von alter Güte

In dem kein Zusatz nicht von frembdem Ertzte steckt.

Sie lasse

Das

Diß ist die Eigenschafft an Hoch und Edlen Geistern

Daß sie auch in dem Creutz gantz unerschrocken seyn.

Wenn viel sich in

So tilget doch die Zeit der stoltzen Gräber Zier:

Herr Myhmer wird gewiß ein besser Grabmahl haben:

Der Leib ruht in der Grufft das Hertze lebt bey ihr.