Trost-Zeilen an die Fr. Wittib Bey Beerdigung Hn. G. M. den 19. Decembr. 1677.
Wenn jetzt zwey Palmen stehn mit Lieb-vereinten Zweigē
Und Blüt und Liebligkeit auff allen Blättern lacht;
Und drauff des Wetters-Straal wird einen niederbeu-
Und ihm das grüne Haar versengt und dünne macht:
So fängt die andre an aus Beyleid zuerblassen
Jhr laubicht Gipffel hängt die Zweige schlaffen ein
Ja sie wird so ein Bild des Traurens blicken lassen
Daß man bekennen muß daß sie vermählte seyn.
So auch die Anemon’ in ihrem Purpur-Kleide
Alsbald ihr Aug und Licht die göldne Sonne sinckt
Wirfft allen Zierath weg und gehet wie im Leide
Wenn sie den Thau der Nacht als Thränen in sich trinckt.
Nicht anders
Nachdem der Liebste muß den Weg des Fleisches gehn
Jhr Auge schwimmt in Fluth ihr Hertz in heissem Blute
Und man sieht umb sie rumb viel nasse Zeugen stehn.
Die Turtel-Taube kan den Gatten nicht so klagen
Als sie itzt ihren Schatz und ander Hertz betraurt.
Jhr Sonnen-Schein ist hin sie sieht bey Winter-Tagen
Sich nur mit Einsamkeit und banger Furcht ummaurt.
Gleicht sie nicht dem Corall der in gesaltznen Thränen
Des Meeres wilder Fluth sein eintzig Wachsthum hat?
Mach nicht das innre Weh und wiederholte Sehnen
Die Leibes-Kräfft schwach die Lebens-Geister mat?
Gemeine Schmertzen sind noch endlich zuertragen
Alleine wenn der Tod biß an das Hertze greifft
Wird der erschrockne Mund nicht Angst und Wehmuth sagen
Indem der Plagen-Heer in seine Glieder streifft.
Und
Der best und liebste Freund auff dieser Welt ist hin:
Die Zuflucht die sie nahm zu seinen Wolfahrts-Bäumen
Erstirbt und Thränen sind ihr übriger Gewin.
Zwey Perlen wenn sie sich in zweyen Muscheln trennen
Sieht auch der tolle Schaum der See mitleidig an:
Zwey Hertzen die zugleich in einer Flamme brennen
Sehn durch den Tod zertheilt so sonst nichts theilen kan
Ist ein erbärmlich Werck; der Sterbligkeit ihr Spiegel
Den sie hat auff den Platz der weiten Welt gesetzt.
Das eiserne Gebot bricht Eh-Schluß Brieff und Siegel
Und was der Mensch für fest und unverbrüchlich schätzt.
Wiewol
Zu ihrem Christenthum erbaulich dienen kan
So lange wir im Fleisch so müssen wir nur leiden
Es greifft der grosse GOtt auff tausend Weg uns an.
Wenn bloß nur die Vernunfft hier wil zu Rathe sitzen
Und das Gemüthe sol nach seiner Regung gehn
So würde nur mein Wort mehr ihre Wunden ritzen;
Ergrimmten Schmertzen ist nicht leicht zuwiederstehn.
Hingegen wenn sie denckt was aus des Liebsten Munde
Für ein beweglich Wunsch und Seelen-Seuffzer ging
So achte sie beglückt den Tag und diese Stunde
Da erst ihr Ehe-Schatzrecht an zu leben fing.
Wünscht er nicht frey zu seyn von seinen Kett- und Banden?
Wer rieffer macht mich doch von meinem Kärcker loß?
Es werde dieser Leib der Sünden Nest zuschanden!
Erlöser nimm mich auff in deine Gnaden-Schoß!
Ich sterbe gern der Welt umb dort mit dir zu leben
Ich schliesse hier mein Aug umb dort dich anzuschaun.
Hier hält mich Sünd und Tod so lang ich schnaub’ umbgeben
Bey dir wil ich mir erst die Freyheits-Städte baun.
Gewiß
Wie tieff in ihre Seel ihr Liebster war geprägt:
So weiß ich wo sie nicht dem Schmertz sich gantz ergiebet
Daß sein Erlösung ihr den besten Trost zulegt.
Wenn einer der anitzt tieff im Gefängnüß sitzt
Mit Ketten angezwängt mit Fesseln hoch beschwert
Auff dessen Scheitel nie der Sonnen Fackel blitzet
Und den geklem̃ten Leib Stanck Fäul und Wurm verzehrt
Solt’ in ein Für stlich Schloß frey quit und ledig kommen
Wie würde nicht sein Hertz und Seele sich erfreun?
Und wir wenn unser Freund ins Himmelreich genommen
Bemühn sich umb ihr Grab noch Thränen aus zustreun.
Es ist ja nur der Leib ein Stockhaus unsrer Seele
Das Fleisch ein solches Bley das ihre Flügel drückt.
Und dennoch hängen wir an dieser Marter-Höle
So fest als
Wer löset uns nun auff von so verwirrten Seilen?
Welch starcker Samsons Arm reisst diese Strick entzwey?
Heist uns nicht jene Stimm’ Fleuch mein Geliebter eilen?
Fleuch wer gefangen lebt wird nach dem Tode frey.
Nunsolchem Dränger-Stall ist auch ihr Schatz entgangen
Betrübtste keine Qual der Kranckheit setzt ihm zu.
Wir sterben da er hat zu leben angefangen:
Uns plagt noch Zanck und Streit ihr krönet Heil und Ruh.
Beklagt sie endlich diß daß so getreue Flammen
So ungemeine Lieb in solcher Flüchtigkeit?
Gesetzt sie brächt ihr Wünsch und Hoffen hoch zusammen
Verschlünge solches nicht der Abgrund von der Zeit?
Auch diese kurtze Frist macht lang sein Angedencken
Nichts mehr ließ Seneca als seiner Tugend Bild
Nach dieser solte sich Paulinens Seele lencken
Die blieb in Freud und Leid ihr schönster Ehren-Schild.
Wo solche Tempel sind erbauet in dem Hertzen
Wo diß Gedächtnüß Licht in treuen Seelen brennt
So können sie mit Tod und mit Verwesung schertzen
Weil er die Glieder nur nicht die Gemüther trennt.
Hat
Die Treu zu ihrem Schatz der Zeit gemeldet an.
So glaub ich daß auch wird in ihrer Seele stehen
Sein wolverdienter Ruhm der nicht vermodern kan.
Der prest die Redligkeit und jener ein Gemüthe
Daß mit dem Gifft der Zeit und Falschheit nicht befleckt.
Sein Hertze trug Metall daß noch von alter Güte
In dem kein Zusatz nicht von frembdem Ertzte steckt.
Sie lasse
Das
Diß ist die Eigenschafft an Hoch und Edlen Geistern
Daß sie auch in dem Creutz gantz unerschrocken seyn.
Wenn viel sich in
So tilget doch die Zeit der stoltzen Gräber Zier:
Herr Myhmer wird gewiß ein besser Grabmahl haben:
Der Leib ruht in der Grufft das Hertze lebt bey ihr.