Türkische Erzehlung.

By Barthold Heinrich Brockes

Es ward ein Sultan in Egypten, der immer sein Ge-

spött getrieben

Mit dem, was Mahomet von sich (er wär einst aus dem

Bett genommen,

Und, nach fast hundert tausend Reden mit Gabriel, zurück

gekommen,

Da er sein Bett noch warm gefunden) in seinen Alcoran

geschrieben,

Von einem Heiligen einmahl, nebst seiner Hofstadt, hinge-

stellt

Bey einem grossen Wasser-Küfen. Mit Bitt’, er mögte

sich bemühen,

Sein Haupt in dieses Naß zu tunken, und alsobald her-

aus zu ziehen.

Er thate kaum, was jener bate, so fand er sich bey einem

Zelt,

Am Ufer eines grossen Meeres, an eines steilen Berges

Fuß.

Nun mogt’ er, wie er wollte, fluchen auf seinen Heiligen,

er muß,

Um Kost und Nahrung zu gewinnen, sich ungesäumt

sogleich bequehmen,

Die Zuflucht zu verschiednen Leuten, die er daselbsten fand,

zu nehmen,

Die führen ihn nach einer Stadt, so von dem Ort nicht

weit entlegen,

Woselbst, nach manchen fremden Fällen, die gar zu lang

sind zu erzehlen,

Er sich mit einer reichen Frau beschloß geruhig zu ver-

mählen.

Er zeugte mit ihr vierzehn Kinder. Zuletzt war ihm das

Glück zugegen,

So daß er all sein Gut verlohr, und sich aus Noht ent-

schliessen mußte,

Ein armer Arbeits-Mann zu werden, weil er sich nicht zu

helfen wußte.

Bis er, voll Traurigkeit und Schwermuht, einst an des

Meeres Ufer ging,

Und seinen unglücksel’gen Stand, und alle fremde Fäll’,

erwog,

Auch, voller Reu, nach ihren Sätzen, im Meer sich an

zu waschen fing.

Kaum aber, daß er, nach dem Bade, sich wieder aus dem

Wasser zog;

So fand er sich bey seiner Küfe, beym Lehrer und der

Hofstadt, stehn.

Er fing, wie leichtlich zu erachten, ob allem, was mit ihm

geschehn,

Mit vieler Streng- und Heftigkeit, auf seinen Heil’gen an

zu schmählen,

Daß er ihn so gequälet hätte, und zwar so eine lange

Zeit.

Allein, wie wundert er sich nicht auf aller seiner Leut’

Erzehlen,

Daß es nur ein Gesicht gewesen, daß er nicht eines Fusses

breit

Von diesem Faß gewichen sey, und daß er anders nichts

gethan,

Als seinen Kopf ins Wasser senken, und wieder aus dem

Wasser ziehn.

Hierauf nun fing sein Heiliger mit seiner Lehre folgends

an:

„dem Schöpfer wäre nichts unmöglich, und wie für Seine

Herrlichkeit

„auch tausend Jahr’ ein Tag nur wären; so fiel es Jhm

nicht minder schwehr

„zu machen, daß ein einz’ger Tag, ja eines Augenblickes

Zeit,

„wenn Ers also verordnete, so lang’ als tausend Jahre

wär'.