Uber das flüchtige glücke

By Benjamin Neukirch

Written 1697-01-01 - 1697-01-01

Mein hertze fleuch das glücke

Und laß sein licht nicht deinen leit-stern seyn.

Ein englisch auge führt offt gifft und drachen-blicke

Der himmel selber mischt in sonne regen ein.

So kan sein angesicht auch lachen und doch blitzen

Und hüllt in rosen-pracht die schärffste dornen-spitzen.

Die allerärgste sclaven

Wirfft offt ein sturm an sichres ufer an:

Das glücke zeiget nur der hoffnung süssen hafen;

Fleucht aber wenn sein fuß am besten anckern kan.

Denn lust und freude sind wie bunte regen-bogen

Die eh man sie erkennt schon wieder abgezogen.

Der zucker unsers lebens

Ist nur ein schaum der gall und wermuth deckt.

Vernunfft und klugheit sucht das glücke selbst vergebens;

Weil schlang und natter auch in paradiesen steckt.

Die gröste klugheit ist der zeiten grimm verlachen

Und wie ein bienen-wurm aus schierling honig machen.

In saltz und thränen baden

Ist sichrer als auff sammt und purpur gehn.

Denn wenn die blitze gleich den ceder-ästen schaden

So läst ihr donner doch geringe pappeln stehn.

So fällt ein reicher auch offt schimpfflich zu der erden

Wenn arm und niedrige zu grossen herren werden.

Was glück und gunst gebohren

Schmeltzt mit der zeit wie schnee und kaltes eiß.

Der aber hat noch nicht der freuden port verlohren

Der nur den trauer-wind recht zu gebrauchen weiß.

Denn glück und ehre sind nicht kinder einer stunden

Und werden nur wie gold durch müh und schweiß gefunden.

Drum fleuch das falsche glücke

Und trau mein hertz auff seine sonnen nicht;

Zeuch der begierden fuß von dieser spiegel-brücke

Da gold und pfeiler so wie porcellan zerbricht.

Vielleicht kan schmertz und leid die deinen geist noch binden

Bald deiner ehren bau auff festen marmel gründen.