Uber das frühzeitige Absterben Hn. P. V. ältesten Töchterlein 2. Febr. 1670.

By Heinrich Mühlpfort

Das kalte Todes-Eis jetzt euer Hertz beschweret

Betrübtste daß der Frost den Bronn der Adern

Und ein erbärmlich Weh euch Hertz und Seel ver-

Weil eure Lust und Trost von dieser Erden reißt

Ist heisser Thränen werth auch billich zu beklagen.

Es solte Castalis mit vollen Strömen gehn

Wenn nicht deß Hornungs Grimm in Harnisch sie geschlagen

Und so mit Stadt und Land verfroren müste stehn.

Vergebens hab ich nur den Lorber-Wald besuchet

Der Pindus siand verschneyt Parnassus gantz bedeckt;

Und als ich bey der Thür der Musen angepochet

Hat mich die Grausamkeit des Wetters mehr erschreckt.

Ich forschte ferner nach in der Gelehrten Büchern

Wiewol ein grimmig Leid nimmt schlechten Trost nicht an;

Diß was

Gilt bey uns Christen nicht und ist nur eitler Wahn.

Wie sehr wir uns bemühn die Künste zu ergründen

Und alle Wissenschafft in den Besitz zu ziehn

So ist die gröste Kunst in Gottes Schluß sich finden

Und seinem Willen nicht vorsetzlich zu entfliehn.

Es bleibet unverrückt das Göttliche Gesetze

Wie wiederwertig es Vernunfft und Sinnen scheint.

So sind doch nirgends sonst deß Himmels wahre Schätze

Die andern aufder Welt raubt Untreu Zeit und Feind.

Ist nun ein Kind ein Schatz wie billich zu benennen

Was Wunder daß auch GOtt für solche Schätze wacht!

Und eh das Sodoma der Welt noch muß verbrennen

Bey zeiten zu sich holt und selber nimmt in acht.

Der Eltern Sorg’ und Fleiß wie mühsam sie sonst wachen

Legt Erben von dem Gut deß Glückes etwas bey;

Doch kan kein sterblich Mensch sie drüber sicher machen

Daß diß ein wahrer Grund verlangter Wolfahrt sey.

Offt schimpfft des Enckels That der Ahnen Lorber-Kronen

Und seiner Laster Nacht verhüllt des Anherrns Licht;

Offt läst der Zeiten Sturm die nicht das Land bewohnen

Das ihre Väter vor erbaut und zugericht.

Der Sohn der zu der Kron und Infel war bestimmet

Stirbt durch des Henckers Hand in höchsten Schimpff und

Und wie das Schicksel sich auff Schlangen-weise krümmet

Ist nicht Bolen bekand der auffdie Tochter sprach?

Die Hoffnung vieler Jahr’ und Sorgen-volle Stunden

Des Hauses treuer Wunsch des Stammes wahrer Ruhm

Ist weder von dem Fall noch Untergang entbunden

Hat ausser Sarg’ und Grab kein ander Eigenthum.

Gesetzt; und Eltern sehn an ihren Kindern Freuden

Ja ihr vermählt Geschlecht in Glück und Wolfahrt blühn

Wie manchmal wird sie nicht der Tod mit Boy ankleiden

Und ihnen bey der Lust die Trauer-Kapp’ anziehn.

Bestürtzte das diß schlecht und nicht das Leid bezwinget

So euren Geist bekämpfft und zu der Erden drückt

Ist wahr weil die Vernunfft den Gegenwurff einbringet:

Warumb wird unser Kind in erster Blüt entrückt?

Verschwindet uns so bald das angenehme Schertzen?

Die freundliche Gestalt und was ergetzlich schien?

Verscharrt ein schwartzes Grab das Theil von unsrem Hertzen?

Nimmt ein so harter Sturm die erste Pflantze hin?

Heist uns der bleiche Tod der Freude gantz vergessen?

Muß der Groß-Eltern Trost der Schmertzen Werck-Zeug

Und bleiben uns nichts mehr als dunckele Cypressen

(seyn?

Zum Rest und für den Sarg der Todten-Lichter Schein?

Hingegen wer bedenckt das Göttliche Gerichte

Den unerforschten Schluß und unumschriebne-Macht?

Und wie das liebe Kind in jenem grossen Lichte

Bey tausend Engeln sitzt in Sonnen-klarer Pracht;

Entnommen aller Noth die uns kan künfftig drücken

Frey in dem höchsten Grad und reiner als der Schnee

Der wird ob seiner Ruh sich in der Seel’ erquicken

Und sagen ihm ist wol uns Hinterlaßnen weh.

Was bringen uns viel Jahr’? ein Anzahl vieler Plagen.

Und auff was warten wir? Auff immer-neue Noth?

So lang’ uns Menschen muß der Grund der Erden tragen

So tragen wir bey uns im Busem Noth und Tod.

Besturtzte GOttes Weg ist nicht gleich unsern Wegen

Denn seine Vaterhand wird heilen wen sie schlägt

Ob schon sein Angesicht von unsrem Aug entlegen

So ist sein Hertz uns kund das stets Erbarmnüß hegt.

Des Schöpffers Wille ist und bleibt der allerbeste

Wer dem gehorsam folgt fehlt nie die rechte Bahn;

Der jene so regiert die Wolck’ und Himmels-Feste

Ist recht trotz daß ein Mensch mit recht ihn tadeln kan.

Wir die mit Schuld befleckt voll sündlicher Begierden

Kühn ins Verderben gehn und suchen was uns kränckt

Vergaffen in der Welt verlarvten Schmuck und Zierden

Vergnügt mit Gauckeley und Eitelkeit umschrenckt

Erwehlen nimmermehr was uns zum besten reichet

Wo nicht des Höchsten Rath zuvor den Ausspruch gibt.

Wer diß Gebot erkennt und weder wanckt noch weichet

Der mag gesichert seyn daß GOtt ihn hertzlich liebt.

Was jetzt nach Wermuth schmeckt kan sich in Manna kehren

Weil GOttes Gütigkeit hält keine Maß noch Ziel.

Den stärcksten Trost wird uns ein solcher Schluß gewehren

Daß unser Wille stets nach seinem Willen wil.

Ein Gärtner läst getrost den Frost die Blüthen sterben

Wenn in dem Frühling nur die Blumen wieder stehn:

Jhr Eltern eure Blum die Tod und Sarg verderben

Wird in dem Himmel so als Lilg’ und Ros’ auffgehn.