Uber das frühzeitige Absterben Hn. P. V. ältesten Töchterlein 2. Febr. 1670.
Das kalte Todes-Eis jetzt euer Hertz beschweret
Betrübtste daß der Frost den Bronn der Adern
Und ein erbärmlich Weh euch Hertz und Seel ver-
Weil eure Lust und Trost von dieser Erden reißt
Ist heisser Thränen werth auch billich zu beklagen.
Es solte Castalis mit vollen Strömen gehn
Wenn nicht deß Hornungs Grimm in Harnisch sie geschlagen
Und so mit Stadt und Land verfroren müste stehn.
Vergebens hab ich nur den Lorber-Wald besuchet
Der Pindus siand verschneyt Parnassus gantz bedeckt;
Und als ich bey der Thür der Musen angepochet
Hat mich die Grausamkeit des Wetters mehr erschreckt.
Ich forschte ferner nach in der Gelehrten Büchern
Wiewol ein grimmig Leid nimmt schlechten Trost nicht an;
Diß was
Gilt bey uns Christen nicht und ist nur eitler Wahn.
Wie sehr wir uns bemühn die Künste zu ergründen
Und alle Wissenschafft in den Besitz zu ziehn
So ist die gröste Kunst in Gottes Schluß sich finden
Und seinem Willen nicht vorsetzlich zu entfliehn.
Es bleibet unverrückt das Göttliche Gesetze
Wie wiederwertig es Vernunfft und Sinnen scheint.
So sind doch nirgends sonst deß Himmels wahre Schätze
Die andern aufder Welt raubt Untreu Zeit und Feind.
Ist nun ein Kind ein Schatz wie billich zu benennen
Was Wunder daß auch GOtt für solche Schätze wacht!
Und eh das Sodoma der Welt noch muß verbrennen
Bey zeiten zu sich holt und selber nimmt in acht.
Der Eltern Sorg’ und Fleiß wie mühsam sie sonst wachen
Legt Erben von dem Gut deß Glückes etwas bey;
Doch kan kein sterblich Mensch sie drüber sicher machen
Daß diß ein wahrer Grund verlangter Wolfahrt sey.
Offt schimpfft des Enckels That der Ahnen Lorber-Kronen
Und seiner Laster Nacht verhüllt des Anherrns Licht;
Offt läst der Zeiten Sturm die nicht das Land bewohnen
Das ihre Väter vor erbaut und zugericht.
Der Sohn der zu der Kron und Infel war bestimmet
Stirbt durch des Henckers Hand in höchsten Schimpff und
Und wie das Schicksel sich auff Schlangen-weise krümmet
Ist nicht Bolen bekand der auffdie Tochter sprach?
Die Hoffnung vieler Jahr’ und Sorgen-volle Stunden
Des Hauses treuer Wunsch des Stammes wahrer Ruhm
Ist weder von dem Fall noch Untergang entbunden
Hat ausser Sarg’ und Grab kein ander Eigenthum.
Gesetzt; und Eltern sehn an ihren Kindern Freuden
Ja ihr vermählt Geschlecht in Glück und Wolfahrt blühn
Wie manchmal wird sie nicht der Tod mit Boy ankleiden
Und ihnen bey der Lust die Trauer-Kapp’ anziehn.
Bestürtzte das diß schlecht und nicht das Leid bezwinget
So euren Geist bekämpfft und zu der Erden drückt
Ist wahr weil die Vernunfft den Gegenwurff einbringet:
Warumb wird unser Kind in erster Blüt entrückt?
Verschwindet uns so bald das angenehme Schertzen?
Die freundliche Gestalt und was ergetzlich schien?
Verscharrt ein schwartzes Grab das Theil von unsrem Hertzen?
Nimmt ein so harter Sturm die erste Pflantze hin?
Heist uns der bleiche Tod der Freude gantz vergessen?
Muß der Groß-Eltern Trost der Schmertzen Werck-Zeug
Und bleiben uns nichts mehr als dunckele Cypressen
(seyn?
Zum Rest und für den Sarg der Todten-Lichter Schein?
Hingegen wer bedenckt das Göttliche Gerichte
Den unerforschten Schluß und unumschriebne-Macht?
Und wie das liebe Kind in jenem grossen Lichte
Bey tausend Engeln sitzt in Sonnen-klarer Pracht;
Entnommen aller Noth die uns kan künfftig drücken
Frey in dem höchsten Grad und reiner als der Schnee
Der wird ob seiner Ruh sich in der Seel’ erquicken
Und sagen ihm ist wol uns Hinterlaßnen weh.
Was bringen uns viel Jahr’? ein Anzahl vieler Plagen.
Und auff was warten wir? Auff immer-neue Noth?
So lang’ uns Menschen muß der Grund der Erden tragen
So tragen wir bey uns im Busem Noth und Tod.
Besturtzte GOttes Weg ist nicht gleich unsern Wegen
Denn seine Vaterhand wird heilen wen sie schlägt
Ob schon sein Angesicht von unsrem Aug entlegen
So ist sein Hertz uns kund das stets Erbarmnüß hegt.
Des Schöpffers Wille ist und bleibt der allerbeste
Wer dem gehorsam folgt fehlt nie die rechte Bahn;
Der jene so regiert die Wolck’ und Himmels-Feste
Ist recht trotz daß ein Mensch mit recht ihn tadeln kan.
Wir die mit Schuld befleckt voll sündlicher Begierden
Kühn ins Verderben gehn und suchen was uns kränckt
Vergaffen in der Welt verlarvten Schmuck und Zierden
Vergnügt mit Gauckeley und Eitelkeit umschrenckt
Erwehlen nimmermehr was uns zum besten reichet
Wo nicht des Höchsten Rath zuvor den Ausspruch gibt.
Wer diß Gebot erkennt und weder wanckt noch weichet
Der mag gesichert seyn daß GOtt ihn hertzlich liebt.
Was jetzt nach Wermuth schmeckt kan sich in Manna kehren
Weil GOttes Gütigkeit hält keine Maß noch Ziel.
Den stärcksten Trost wird uns ein solcher Schluß gewehren
Daß unser Wille stets nach seinem Willen wil.
Ein Gärtner läst getrost den Frost die Blüthen sterben
Wenn in dem Frühling nur die Blumen wieder stehn:
Jhr Eltern eure Blum die Tod und Sarg verderben
Wird in dem Himmel so als Lilg’ und Ros’ auffgehn.