Uber die Thorheit der menschlichen Begierden
Written 1697-01-01 - 1697-01-01
Der Geist hat in des Leibes Banden
Gewalt und Unrecht ausgestanden
So lang er auf der Welt in solchen Kercker lebt.
Bald soll er zu des Fleisches Lüsten
Bald vor des Geitzes weite Küsten
Und bald bemühet seyn wenn man nach Ehren strebt.
Was ists wenn Wollust aufgedecket
Wenn Süßigkeit letzt sauer schmecket?
Wenn man die Seele zwingt in uns berauscht zu seyn?
Mensch glaubst du gleich kein Auferstehen
So macht dein immer müßig gehen
Dir durch ein giftig Blut schon hier die Höllen Pein.
Der Geist so rein sein hohes Wesen
Muß manchem Gold aus Kothe lesen.
Man stopft ihm wenn er schmält das Maul mit Klumpen zu.
Es heißt hilf mir zusammen scharren.
So müß-vergnüget wehlen Narren
Zum Hunger Uberfluß und Sorgen zu der Ruh.
Die Ehrsucht hecket tausend Grillen.
Der Wahn muß so die Welt erfüllen
Als ob nicht jeder Geist gut nach dem Uhrsprung sey.
Wenn einer nur was neues lehret
Es sey auch gottloß und verkehret
So ist es Weltberühmt und macht vom Sterben frey.
O Thor was Salomon geschrieben
Ist auch nicht ungetadelt blieben.
Wird nicht der Griechen-Heer in Gräbern noch geschimpft?
Viel schlechter bleibt man dem gewogen
Worüber du die Stirn gezogen
Und nach der Stoer Art dein Maul so oft gerümpft.
Heut machstu dir noch viele Sorgen
Die Phantasie verschwindet morgen
Wenn dich die Eitelkeit in ihr Register trägt.
Denn bauen Wollust Geitz und Ehre
Im Sterben andern diese Lehre:
So wird der Menschen Wahn erschrecklich wiederlegt.